Scheich Jackson

Einen ungewöhnlichen Einblick in die ägyptische Realität liefert Amr Salama mit seinem Film „Scheich Jackson“, mit dem tatsächlich der Weltstar Michael Jackson gemeint ist. Dessen Fan war einst ein junger Ägypter, der die Lust am Pop jedoch längst mit dem Glauben an den Islam vertauscht hat und nach dem Tod des Popstars an seinen Werten zweifelt.

Webseite: scheichjackson.der-filmverleih.de

Al Sheikh Jackson
Ägypten 2017
Regie: Amr Salama
Buch: Omar Khaled & Amr Salama
Darsteller: Ahmad Alfishawy, Maged El Kedwany, Ahmed Malek, Amina Khalil, Basma, Yasmine El Raes, Carlo Riley
Länge: 93 Minuten
Verleih: Der Filmverleih
Kinostart: 14. März 2019

FILMKRITIK:

Khaled (Ahmad Alfishawy) ist ein junger Imam in der ägyptischen Hafenstadt Alexandria. Zusammen mit seiner Frau Aisha (Amina Khalil) und seine Tochter lebt er ein nur scheinbar zufriedenes Leben, denn irgendetwas plagt den jungen Scheich. Bei der Psychiaterin Dr. Nour (Basma) versucht Khaled, die Ursache für seine Unruhe zu ergründen, doch so recht mag es nicht gelingen.
 
Wir schreiben das Jahr 2009 und eine Nachricht erschüttert die Welt, auch die arabische: Michael Jackson, der King of Pop ist gestorben. Überall ist vom Ableben des Superstars die Rede, auf jedem Fernseher sieht Khaled plötzlich Aufnahmen von Jackson und so muss er sich endlich seiner verdrängten Vergangenheit stellen: Er selbst wurde in seiner Jugend Jackson genannt, denn in den 90er Jahren war er großer Fan des Popstars. Sehr zum Unwillen seines Vaters Hany (Maged El Kedwany), der seinem Teenager Sohn (nun gespielt von Ahmed Malek), die Begeisterung für den androgynen, so unmännlich wirkenden Jackson austreiben will. Allein Khaleds Mitschülerin Sherine (Yasmine El Raes) versteht seine Begeisterung für die Musik Michael Jacksons, doch ihre Leben sind anders verlaufen als geplant.
 
Man sollte wissen, dass Michel Jackson in der arabischen Welt erhebliche Popularität genoss, in den letzten Jahren seines Lebens sogar mit dem Gedanken spielte, zum Islam zu konvertieren. Offiziell waren seine Platten zwar nicht verfügbar, doch als Bootleg-Kassetten kursierten sie auch dort und machten Jackson zum Symbol eines anderen Lebens, aber auch der Rebellion gegen das System, wie auch immer dieses System aussah.
 
Dass der junge Khalad genau dies in Jackson suchte und fand, davon erzählt Amr Salama in seinem originellen Film, der seine Weltpremiere beim Festival in Toronto feierte und Ägyptens Vorschlag für den Oscar war. Zurecht, denn „Scheich Jackson“ gelingt es, auf differenzierte Weise vom Leben in einem Land zu erzählen, dass im Westen allzu oft auf Klischees reduziert wird.
 
Um Islamismus und Radikalität geht es hier auch, jedoch nur am Rande. Zwar wird Khaled als Scheich beschrieben, der in der lokalen Moschee auch das Gebet leitet, doch mit dieser Position ist nicht etwa eine radikale Form des Islams gemeint, sondern eine ganz normale Form der Religionsausübung. Ganz beiläufig wird hier auch von den unterschiedlichen Positionen der Ägypter zur Frage des Kopftuchs erzählt, das Bild einer Gesellschaft gezeigt, die viel heterogener ist, als das in den westlichen Medien oft scheint.
 
Und so wirkt auch die Präsenz von Michael Jackson keineswegs wie ein merkwürdiges Konstrukt, sondern wie die natürliche Begeisterung eines jungen Ägypters für einen Popstar. Dass es der Produktion nicht möglich war, Original Jackson-Songs zu verwenden, erweist sich schließlich sogar als Vorteil, bleibt die Geschichte so doch stets in der ägyptischen Realität verhaftet. Selbst dann, wenn der Michael Jackson-Imitator Carlo Riley durch die Träume des erwachsenen Khaled geistert, sich einmal gar zwischen die Betenden in der Moschee einzureihen scheint. Mit viel Humor erzählt Amr Salama seine Geschichte und verzichtet dabei auf radikale erzählerische Wandlungen. Ein wenig unbefriedigend mag das versöhnliche Ende zwar wirken, doch gerade das Khaled es einfach nur gelingt, seine Verehrung zu Michael Jackson und den Islam unter einen Hut zu bringen, ist eigentlich schon genug.
 
Michael Meyns