Schneeflöckchen

Ein Experiment ist „Schneeflöckchen“ in zweierlei Hinsicht: Zum einen als Film, der nicht in bekannter Form in den Kinos startet, sondern von den Zuschauern direkt für einzelne Kinos gebucht werden kann, zum anderen inhaltlich: Ein deutscher Genrefilm, der sich viel traut, der experimentell ist, die Strukturen seiner Erzählung durcheinanderwirbelt, der viel wagt, zwar nicht alles gewinnt, aber dabei immer gut aussieht

Webseite: de.demand.film/schneeflockchen/

Deutschland 2017
Regie: Adolfo J. Kolmerer, William James
Darsteller: Reza Brojerdi, Erkan Acar, Xenia Assenza, David Masterson, Alexander Schubert, Adrian Topol, Gedeon Burkhard, Bruno Eyron, Eskindir Tesfay, Selam Tadese, Antonio Wannek, David Gant, Mathis Landwehr, Martin Goeres, Judith Hoersch
Länge: 120 Minuten
Verleih: demand.film
Kinostart: 20. September 2018

FILMKRITIK:

Tan (Erkan Acar) und Javid (Reza Brojerdi) sind zwei Killer, die von Rache angetrieben sind: Sie wollen die Mörder ihrer Eltern umbringen. Auf ihrem Rachefeldzug fällt ihnen in einem gestohlenen Auto ein Drehbuch in die Hand, in dem verblüffenderweise genau das steht, was sie gerade erleben. Kurzerhand suchen sie den Autor auf, den hauptberuflichen Zahnarzt Arend (Alexander Schubert), der ihr Schicksal in den Händen zu halten scheint.
 
Gleichzeitig ist auch die junge Eliane (Xenia Assenza) auf der Suche nach Killer, die ihr bei ihrer persönlichen Rache helfen sollen: Ihre Eltern wurden ermordet und sie will Rache. All das spielt in einem leicht futuristischen Berlin, in dem die Anarchie regiert, merkwürdige Killermaschinen ihr Unwesen treiben und eine engelhafte Gestalt namens Schneeflöckchen das rettende Wesen ist.
 
Wenn gleich in der ersten Szene Tan und Javid ganz entspannt die richtige Zubereitung eines Döners diskutieren, während um sie herum die blutüberströmten Leichen ihres Massakers liegen, fragt man sich, ob es nicht mindestens 20 Jahre zu spät für eine „Pulp Fiction“-Hommage ist. Wenn dann auch noch die junge Eliane mit ihrem Bodyguard auf Rache aus ist, man sich also wie in „Leon – Der Profi“ fühlt, glaubt man endgültig, hier einen deutschen Film zu sehen, der sich in billigsten Zitaten viel zu großer Vorbilder ergeht.
 
Doch dann finden Tan und Javid besagtes Drehbuch, lesen Sätze, die sie gerade selber sprechen und der von Adolfo J. Kolmerer und William James inszenierte Film bekommt ganz eigene Qualitäten. Auf clevere Weise spielt Drehbuchautor Arend Remmers mit den Genrekonventionen, lässt seine Figuren eine Meta-Geschichte durchleben, in denen sie in einer Art Zeitschleife gefangen sind, in denen die Regeln der Realität außer Kraft gesetzt sind.

Ein ambitionierter, ausgesprochen origineller Ansatz, der allerdings auch Erwartungen setzt, die der Film am Ende nicht ganz erfüllen kann.
 
So souverän gefilmt das Abenteuer der sich gegenseitig jagenden Killer auch ist – in der Lichtsetzung und Kadrierung zahlt sich aus, dass Adolfo J. Kolmerer sein Geld als Werbefilmregisseur verdient – mit zwei Stunden Länge zieht sich die Geschichte ab der Mitte doch gewaltig. Was sicher auch den Produktionsbedingungen geschuldet ist, denn „Schneeflöckchen“ wurde über Jahre gedreht, an Wochenenden, in Produktionspausen, mit dem Herzblut aller Beteiligten, ohne Förderung oder gar Senderbeteiligung.
 
Allein das ist aller Achtung wert und gerade wegen seines originellen Ansatzes, seines Mut, anders zu sein als der durchschnittliche deutsche Film, kann man ihm nur Erfolg wünschen. Zumal er sich einer ungewöhnlichen Vertriebsform bedient, dem on demand-Kino: Via der Internetseite https://de.demand.film/ können Interessierte unverbindlich Vorführungen des Films buchen und diese dann auf den sozialen Medien bewerben. Finden sich bis zu einer Deadline genug Teilnehmer, findet die Vorführung statt. Ob dieses Modell funktioniert und Zukunft hat, bleibt abzuwarten, gerade für so einen ungewöhnlichen, eigenen Film wie „Schneeflöckchen“ wäre es vielleicht ein Ansatz.
 
Michael Meyns