Seefeuer – Fuocoammare

Am Ende wenig überraschend wurde bei der diesjährigen Berlinale zum ersten Mal ein Dokumentarfilm mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet: "Seefeuer – Fuocoammare" von Gianfranco Rosi trifft den Zeitgeist perfekt, beschreibt er doch das dramatische Schicksal von Flüchtlingen vor und auf der Mittelmeerinsel Lampedusa, was allerdings ganz und gar nicht der einzige Grund ist, diese präzise beobachtete Dokumentation zu schätzen.

Webseite: www.weltkino.de

OT: Fuocoammare
Italien 2016 – Dokumentation
Regie & Buch: Gianfranco Rosi
Länge: 108 Minuten ab 12 J.
Verleih: Weltkino
Kinostart: 28. Juli 2016
 

FILMKRITIK:

Vor ein paar Jahren war die italienische Mittelmeerinsel Lampedusa noch das Symbol für Flüchtlinge, die mit teils kaum seetüchtigen Booten versuchten, die nur 130 Kilometer von der afrikanischen Küste gelegene Insel und damit das große Ziel Europa zu erreichen. Momentan steht zwar eher die Balkanroute im Mittelpunkt der Flüchtlingsströme, doch auch der Strom der Bootsflüchtlinge im zentralen Mittelmeer reißt nicht ab.

Über sie wollte der italienische Regisseur Gianfranco Rosi eine kurze Dokumentation drehen, doch dann blieb er über ein Jahr auf Lampedusa, lernte die Einheimischen kennen und bekam erst durch diesen langen Aufenthalt den Zugang, der diesen Film ermöglichte. Es überrascht dann auch wenig, dass "Seefeeuer" zu weiten Teilen die Bewohner Lampedusa porträtiert, deren Leben scheinbar völlig unbeeinflusst von den Flüchtlingen abläuft. Im Mittelpunkt steht dabei der neunjährige Samuele, der seine Zeit damit verbringt, Steinschleudern zu bauen, mit Knallkörpern Kakteen zu sprengen und anderen Blödsinn macht, den Jungs in seinem Alter eben so machen. Sein Vater ist Fischer und auch Samuele wird wohl in ein paar Jahren zur See fahren, doch einen direkten Bezug zu den Flüchtlingen, die regelmäßig auf seiner Insel landen, hat er keinen. Und genau das mag der Punkt sein, den Rosi hier macht: Geradeso wie für den durchschnittlichen Europäer das Leben seinen gewohnten Gang nimmt, genau so ist es selbst auf Lampedusa, in unmittelbarer Nähe der Flüchtlingsströme möglich, wenig bis nichts von den Nöten Anderer mitzubekommen.

Einem neunjährigen Jungen kann man deswegen natürlich keinen Vorwurf machen, den Erwachsenen schon eher. So eine direkte Aussage wäre Rosi jedoch fremd, sein Stil ist asketischer, reiner, dokumentarischer: Er beobachtet, er zeigt, deutet bisweilen an: Wenn da etwa Samuele beim Augenarzt ist und ein träges Auge festgestellt wird, das mittels Augenklappe gestärkt werden soll, dann liegt die Metaphorik auf der Hand.

Der Arzt, Dr. Bartolo, ist schließlich auch verbindendes Element zu den Flüchtlingen und die Person in "Seefeuer", die am eindeutigsten, am empathischsten das Wegblicken allzu vieler Menschen beklagt. Als Arzt behandelt er nicht nur die Einheimischen, sondern untersucht auch immer wieder die Flüchtlinge, die von der Seerettung aufgenommen und in Durchgangsheime auf die Insel gebracht werden. Oft kann er dabei nur noch den Tod feststellen, sieht erschütternde Bilder von verdursteten Menschen, die im Lagerraum eines völlig überfüllten Schiffs elendig zugrunde gingen. Auch Rosi hält dem Zuschauer solche Bilder nicht vor, Bilder von Helfern, die kaum noch lebende, völlig dehydrierte Menschen auf  Rettungsboote ziehen. Unangenehme Assoziation weckt das, der wenig menschliche, oft eher mechanisch wirkende Umgang mit den Hilfsbedürftigen erschreckt, scheint angesichts der Anzahl an Flüchtlingen, aber auch der physischen und psychischen Erschöpfung der Helfer kaum anders möglich. Individualisiert werden die Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea und anderen Staaten nicht, im Gegensatz zu den Einwohnern Lampedusas. Dass mag man problematisch finden, könnte aber auch als weiterer subtiler Hinweis verstanden werden, mit dem Rosi deutlich macht, wie weite Teile Europas die Flüchtlinge sieht.

Dass die Entscheidung der Jury, "Seefeuer" als erste Dokumentation überhaupt mit dem Goldenen Bären auszuzeichnen, auch eine politische Entscheidung war, liegt auf der Hand. Aber Rosi ist ein viel zu guter, viel zu subtiler Dokumentarfilmer, als das man seinen Film mit einem Pamphlet wie Michael Moores "Fahrenheit 9/11" vergleichen will, dessen Gewinn in Cannes 2004 rein ideologische Gründe hatte. "Seefeuer" mag nicht so geschlossen sein wie sein letzter Film "Sacro GRA", eine sehenswerte, zutiefst humanistische Dokumentation ist Rosi jedoch in jedem Fall gelungen.
 
Michael Meyns