Silentium – Vom Leben im Kloster

Für gestresste Großstädter ist ein Rückzug ins Kloster groß in Mode. Natürlich auf Zeit. Die vier Nonnen von Kloster Habsthal leben, arbeiten und beten dagegen schon seit Jahrzehnten dort. Gemeinsam mit einem Pater und 30 Schafen. Der Theater- und Romanautor Sobo Swobodnik ging für einige Wochen in Clausura – mit Kamera und Mikrofon. Sein Film erzählt von einer Welt, die wie aus der Zeit gefallen erscheint.

Webseite: http://mindjazz-pictures.de

Deutschland 2015
Buch, Regie, Kamera, Ton: Sobo Swobodnik
Montage: Stefanie Kosik
Länge: 84 Minuten
Verleih: mindjazz pictures
Kinostart: 14. Mai 2015
 

FILMKRITIK:

Das Kloster Habsthal liegt abgelegen am Rande des Ostrachtals in der Schwäbischen Alb. Früher lebten hier über 60 Ordensschwestern und betrieben Landwirtschaft und einige Werkstätten. Denn die Nonnen gehören zum Benediktinerorden. Auf dessen Gründer, den Heiligen Benedikt, geht das berühmte „Ora et labora et lege“ zurück, also: „Bete und arbeite und lies“. Die tägliche Arbeit gehört also zum Ordensleben in Kloster Habsthal dazu. Auch heute noch, obwohl hier nur noch vier in der Überzahl hochbetagte Nonnen leben. Auch eine über 90-jährige Schwester packt noch mit an. Es gibt nur noch 30 Schafe, aber es wird genäht, gebügelt, geputzt. Und gebetet, mehrmals am Tag. Einen Wunsch haben die bescheidenen Ordensfrauen: das ihr Lebensmodell im Kloster weitergelebt wird. Der fehlende Nachwuchs ist ihre größte Sorge.
 
Sobo Swobodnik entdeckte das Kloster schon vor Jahren, als er über das Leben hier eine Reportage schrieb. Nun kehrt er zurück, um den Alltag mit der Kamera festzuhalten. Er hält sich als Autor dabei sehr stark zurück. Swobodnik tritt nie selbst in Erscheinung, seine Stimme ist nie zu hören, es gibt keinen Erzähler. Der Regisseur, der ohne Team arbeitete und Kamera und Ton selbst besorgte, nähert sich dem Leben im Kloster durch Beobachtung. Karg ist sein Erzählstil und bescheiden – und darin ähnlich dem radikalen Lebensentwurf, dem die Benedektinerinnen folgen.
 
Swobodnik ist stilistisch damit nicht so wagemutig wie Philip Gröning in seiner Kloster-Doku „Die große Stille“. Aber gerade durch seine Einfachheit überzeugt „Silentium“. Ganz langsam, durch beharrliche Beobachtung, erschließt sich dem Zuschauer der Alltag. Beten, Arbeiten, Essen, Lesen und Schlafen wechseln sich in einem vorgegebenen Rhythmus ab, den verschiedene Glocken signalisieren. Der Holzboden quietscht, die Vögel zwitschern – die Stille, die Swobodnik auch einfängt, lässt die hörbaren Geräusche umso mehr ins Bewusstsein dringen. Eine nach innen gekehrte Spiritualität wird in allen Lebensbereichen spürbar. Und dann ist die durchaus vorhandene Strenge plötzlich verschwunden, wenn sich die Nonnen bei einem Brettspiel freuen wie die Schulmädchen, wenn sie gewinnen.
 
Gern würde der Zuschauer mehr wissen über die einzelnen Schwestern, über ihre Schicksale, ihre Intention, ins Kloster zu gehen. Aber auch hier bleibt „Silentium“ karg. Er lässt seine Protagonistinnen sprechen, aber immer nur kurz. So tritt ihre Art zu leben in den Mittelpunkt des Films, weniger private Lebensläufe. Und diese Art scheint vom Aussterben bedroht zu sein, denn Nachwuchs ist wohl nicht in Sicht. So wird aus „Silentium“ auch ein Blick in eine Welt, die es vielleicht nicht mehr lange geben wird.
 
Oliver Kaever