Striche ziehen

Ein kilometerlanger weißer Strich auf der Westseite der Berliner Mauer über die vielen vorhandenen Graffitis und Malereien – das war das Ziel von fünf jungen Männern im Herbst 1986, die mit ihrer Protestaktion ein Statement gegen die unterdrückende Staatsmacht und die SED-Diktatur setzen wollten. Die Aktion konnte jedoch nicht beendet werden, da die Freunde verraten wurden. Was sich damals an der deutsch-deutschen Grenze wirklich abspielte, beleuchtet die eindringliche Doku "Striche ziehen" von Gerd Kroske. Er konfrontiert alle Beteiligten mit den Geschehnissen von damals, beleuchtet das Thema von verschiedenen Standpunkten und entwirft ganz nebenbei auch ein glaubhaftes, realistisches Bild von der Aufbruchsstimmung der DDR-Punkszene zu Beginn der 80er-Jahre.

Webseite: www.striche-ziehen.de

Deutschland 2015
Regie: Gerd Kroske
Länge: 100 Minuten
Verleih: Salzgeber
Kinostart: 23. April 2015
 

Pressestimmen/Auszeichnungen:

"Trotz des sehr privaten und intimen Blickwinkels, der sich ganz unaufdringlich vermittelt, ist der Film mehr als nur die Geschichte über fünf Menschen. Er behandelt neben persönlichen Erinnerungen auch ganz allgemeine Fragestellungen wie Schuld, Vergebung und Vergangenheitsbewältigung, die themenübergreifend wichtig sind. …ein kluges und in seiner Ruhe bewegendes persönliches Porträt, das die allgemeine gesellschaftliche Situation der 1980er Jahre in der ehemaligen DDR beleuchtet. Ein Film, der die richtigen Fragen stellt und zum Nachdenken anregt. – Prädikat besonders wertvoll."
FBW

FILMKRITIK:

Die fünf Freunde Jürgen Onißeit, Thomas Onißeit, Frank Schuster, Frank Willmann und Wolfram Hasch kamen aus der Weimarer Punk- und Hippieszene und verließen rund ein Jahr vor der Maueraktion die DDR – entweder weil sie freiwillig ausgereist waren oder weil sie abgeschoben wurden. Denn da sie der Punk-Subkultur ihrer Heimatstadt angehörten, waren sie der  Partei als "subversive Elemente" bereits seit langem ein Dorn im Auge.

Von dem berühmten "Kunstprojekt" an der Mauer und der Motivation der Freunde berichtet nun der neue Film von Gerd Kroske ("Kehraus"), der mit "Striche ziehen" auch einen intensiven Blick zurück in die Punkszene Weimars der frühen 80er-Jahre wirft. Mit Hilfe von raren Archiv- und Originalfotos sowie spannenden Bewegtbildern, macht er die Atmosphäre und Aufbruchsstimmung der Weimarer Subkultur-Szene auch für den Zuschauer deutlich.

Am 3. und 4. November 1986 wollten die Freunde mit ihrer Protestaktion die Mauer als das offenlegen, was sie immer war: ein die Stadt teilender und viele Familien zerstörender kilometerlanger grauer Schandfleck mitten durch Berlin. Wenige Tage zuvor bemalte der US-Künstler Keith Haring ein Stück der Mauer am Checkpoint Charlie. Für die Fünf ein Paradebeispiel für das, als was die Mauer zu dieser Zeit oftmals zweckentfremdet wurde: ein buntes Riesen-Gemälde voller farbenfroher Malereien, vor dem sich die Touristen gerne ablichten lassen. Mehr Grafittiwand als Grenze. Doch die Aktion misslang: Am zweiten Tag erwischten sie einige DDR-Grenzer auf frischer Tat. Allen gelang die Flucht – bis auf Wolfram Hasch. Er wurde geschnappt und zu 20 Monaten Haft in Bautzen verurteilt. Was erst 30 Jahre später herauskommen sollte: über Jahre hinweg hatte Jürgen "Onne" Onißeit die Stasi regelmäßig über Aktivitäten der Weimarer Punkszene informiert und seine Freunde letztlich (und auch den Bruder) verraten.

In "Striche ziehen" bringt Regisseur Kroske nun alle Beteiligten vor die Kamera, befragt sie nach deren Motivation und konfrontiert sie direkt und ungeschminkt mit den damaligen Ereignissen. Die fünf Freunde erscheinen heute als ergraute, zur Ruhe gekommene Fünfzigjährige. Als besonders intensiv gestalten sich die langen Gespräche vor allem mit Jürgen Onißeit, mittlerweile als Kletterlehrer in der Prignitz tätig, der seine Zusammenarbeit mit der Stasi heute als "größten Fehler seines Lebens betrachtet". Als junger, werdender Vater mit finanziellen Problemen habe er das ihm von der Stasi als Gegenleistung angebotene Geld einfach gebraucht.

Kroske bemüht sich, das Thema von allen Seiten zu beleuchten und lässt auch die Gegenseite ausführlich zu Wort kommen, so z.B. Grenzaufklärer a.D. Wolfgang Fittings, der damals an der Festnahme von Hasch beteiligt war. Kroske besuchte auch den ehemaligen Stasi-Leutnant a.D. Dietmar Reinicke, doch dieser verweigerte sich einem Gespräch und schickte Kroske wieder weg, lautstark und ohne dabei selber im Bild zu sein. Lediglich zu hören ist das Gebrüll von Reinicke und seiner Frau. Die Ereignisse seien Vergangenheit, die man gefälligst ruhen lassen solle. Auch das zeigt der Film ganz ohne Scham.

Es sind diese unmittelbaren, ungeschminkten Reaktionen und Situationen, die "Striche ziehen" so sehenswert machen und an denen Kroske auch den Zuschauer teilhaben lässt. Eine der interessantesten Szenen spielt sich dann gegen Ende des Films ab, wenn es zum ersten Aufeinandertreffen der Brüder Jürgen und Thomas Onißeit seit Jahren kommt. Eine finale Begegnung, die anders verläuft als geplant und nachhaltig offen legt, dass das Geschehene von damals noch immer das Leben aller Beteiligten durchzieht und bedeckt – wie ein langer, weißer Strich.

Björn Schneider