Sumé – The Sound of Revolution

Mit der Kraft der Musik und eindringlichen, poetischen Texten einen Teil zum politischen Wandel beitragen. Dass dies möglich ist, zeigt die faszinierende Dokumentation „Sumé – The Sound of Revolution“ über die erste Rockband Grönlands, die der Freiheits- und Unabhängigkeitsbewegung auf der größten Insel der Welt eine kraftvolle Stimme verlieh. Der Film ist daher gleichermäßen Porträt dieser beeindruckenden Musiker als auch einer Zeit des politischen und gesellschaftlichen Umbruchs im hohen Norden Europas in den 70er Jahren. Sehenswert und aufschlussreich.

Webseite: http://mindjazz-pictures.de/project/sume

Grönland 2014
Regie: Inuk Silis Høegh
Drehbuch:  Inuk Silis Høegh, Emile H. Péronard
Darsteller: Erno Aronsen, Per Berthelsen, Hjalmar Dahl,
Per Danker, Hans Fleischer, Lise Hegelund
Länge: 74 Minuten
Verleih: Mindjazz Pictures
Kinostart: 21. Januar 2016
 

FILMKRITIK:

Zu Beginn der 70er Jahre blühte auf Grönland langsam der Widerstand gegen die kolonialis-tische Herrschaft Dänemarks auf. Die Grönländer wollten freier und selbstbestimmter leben und die Hoheitsmacht Dänemarks über die Insel einschränken. Dieser Bewegung gab die Rockband Sumé eine Stimme, die aus einem Projekt der beiden Studenten Malik Høegh und Per Berthelsen hervorging. Sie sangen auf grönländisch und formulierten in lyrischen Texten ihre Ziele und Forderungen. Es dauerte nicht lange und Sumé liefen in nahezu jedem grönländischen Haushalt, auch Einladungen in dänische TV-Sendungen folgten. Nach drei Alben beendete die Band 1976 ihre Karriere. „Sumé – The Sound of a Revolution“ ist gleichzeitig Band- und Zeitporträt über eine Phase des Um- und Aufbruchs im nördlichsten Europa.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich Regisseur Inuk Silis Høegh einer grönländischen Rockband und der Kultur der Inuit-Einwohner seiner Heimat in einem Filme widmet. In seiner Doku „Eskimo Weekend“ von 2002 begleitete er eine Band für ein Wochenende und stellte Bezüge über die Musik zur Identität und Selbstdefinition der Musiker her. Ähnlich geht Høegh auch in Sumé vor, nur geht er hier noch weiter und beschreibt – ausgehend vom Porträt der bis heute prägendsten Musikgruppe Grönlands – eine Zeit der Revolution und der gesellschaftlichen Umwälzungen. Der Film zeigt die Kraft und Macht eines durch Kunst zum Ausdruck gebrachten Strebens nach Selbstbestimmung und Autarkie.

Mit Hilfe vieler Interviews mit Fans und Weggefährten sowie etlichen interessanten, aufschlussreichen Original-Dokumenten – von Zeitungsausschnitten über Musikbeispiele und Fotos bis hin zu Videoaufnahmen – zeichnet der Film das Bild der wichtigen Protest-Rockband „Sumé“ einschließlich deren Auswirkungen auf das politisch und gesellschaftliche Leben nach. Die Interviewten berichten auch heute – über 40 Jahre nach dem Debütalbum – begeistert und enthusiastisch davon, wie revolutionär die Band war, welch ein Ruck im Anschluss durch die Bevölkerung ging und dass deren Alben „bis in die letzten Winkel des Landes vordrangen.“

Besonders einprägsam sind Originalaufnahmen, die die Band bei ihren Auftritten sowohl in einer Konzerthalle in Kopenhagen als auch in einer TV-Musikshow zeigen. Dort weisen die Bandmitglieder – und allen voran der charismatische Frontmann Malik – auf die Unzufriedenheit und Probleme der Bevölkerung Grönlands hin. Beeindruckend ist, wie bestimmt und eloquent er die Sache auf den Punkt bringt und die Schwierigkeiten mit Nachdruck aber dennoch nie unsympathisch vermittelt und exakt benennt.

Im Film gibt es viel zu hören und zu lesen. Die Videoschnipsel aus den 70ern sind zumeist mit Stücken der Band unterlegt, die Textzeilen werden parallel dazu in deutscher Übersetzung eingeblendet. So kann  man sich ein gutes Bild von der metaphorischen, poetischen Kraft der Lyrics machen, die zwar schlicht aber sehr ausdrucksstark sind und den Bewohnern aus der Seele sprachen.  Der Film ist aber viel mehr als nur das Porträt einer mutigen, aus „idealistischen Gründen“ existierenden Band. „Sumé“ zeigt auch nachhaltig auf, wie viel Macht und Kontrolle die Dänen auf die Insel, die Einwohner und deren Lebensqualität ausübten.

Angefangen davon, dass man als Grönländer für ein Studium oder höhere Ausbildung die Heimat verlassen und nach Dänemark übersiedeln musste bis hin zur Tatsache, dass in den Schulen die grönländische Kultur und Sprache kaum eine Rolle spielten. Die Folge: Trennung der Gesellschaft und Verlust der Identität. Am erschreckendsten sind aber wohl die Aussagen einiger Dänen, die zu den Inuit befragt werden. Äußerungen wie „Das ist ein komisches Volk“ oder „Ureinwohner in eine zivilisierte Gesellschaft zu integrieren, ist schwierig“ grenzen an Rassismus und sind in Zeiten der größten Flüchtlingsbewegung seit 70 Jahren auch an Aktualität und Brisanz nicht zu überbieten.

Björn Schneider