The Unforgiven (Yurusarezaru mono)

Mit dem japanischen Remake von Clint Eastwoods Klassiker „Erbarmunglos“ geht das erstaunliche Comeback des Westerns weiter. In Lee Sang-ils „The Unforgiven“ ist der Schauplatz die nördliche japanische Insel Hokkaido, wo ein ehemaliger Samurai den Auftrag annimmt, eine Prostituierte zu rächen. Ein bildgewaltiges Epos, das sich bisweilen allzu nah am Original bewegt, in seinen besten Momenten aber ur-japanisch ist.

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Japan 2013
Regie: Lee Sang-il
Buch: Lee Sang-il, nach dem Drehbuch zu „Erbarmungslos“ von David Webb Peoples
Darsteller: Ken Watanabe, Shiori Kutsuna, Jun Kunimura, Yuya Yagira, Koichi Sato, Eiko Koike, Akira Emoto
Länge: 135 Minuten
Verleih: Warner
Kinostart: 4. Dezember 2014
 

FILMKRITIK:

Meist geht die Entwicklung andersherum: Für die Western-Klassiker „Die glorreichen Sieben“ und „Für eine Handvoll Dollar“ standen Akira Kurosawas Samurai-Epen „Die Sieben Samurai“ bzw. „Yojimbo“ Pate. In den folgenden Jahrzehnten hat sich gerade das Hollywood-Kino immer wieder bei europäischen und asiatischen Filmen bedient, doch inzwischen hat sich die Entwicklung oft umgedreht: Das indische Bollywood-Kino variiert oft Hollywood-Filme und reichert diese mit Tanznummern an, in Korea entstand vor ein paar Jahren die „Zwei glorreiche Halunken“-Hommage „The Good, the Bad, the Weird“, nun also „The Unforgiven“, ein bis in kleinste Details der Geschichte identisches japanisches Remake von Clint Eastwoods Western-Klassiker „Erbarmungslos.“
 
Hier wie dort spielt die Handlung im ungesetzlichen Niemandsland, in einer kleinen Stadt, die von einem brutalen Sheriff beherrscht wird. Als einer Prostituierten von zwei Kunden das Gesicht zerschnitten wird, sollen die Täter zur Strafe sechs Pferde zahlen. Nicht genug, finden die Prostituierten des Dorfes und setzen ein Kopfgeld aus. Hier kommt der ehemalige Samurai Jubei (Ken Watanabe) ins Spiel, der sich mit seinen zwei Kindern auf ein kleines, unwirtliches Stück Land zurückgezogen hat und mehr schlecht als recht versucht, als Bauer ein Auskommen zu finden. Zusammen mit einem alten Freund nimmt Jubei den Auftrag widerwillig an und macht sich auf den Weg durch die weiten, archaischen Landschaften Hokkaidos. Zwei Menschen sollen sie töten, eigentlich eine leichte Sache für die ehemaligen Soldaten des Shoguns, doch längst haben sie die Lust am Kämpfen und Töten verloren und befinden sich bald in einer unerbittlichen Welt, aus der es kein Entkommen gibt – zumindest nicht lebendig.
 
Einen Klassiker wie „Erbarmunglos“ neu zu verfilmen ist riskant. Den Vergleich mit dem Vorbild kann man kaum gewinnen, die eigenen Schwächen treten dagegen umso deutlicher zu Tage. Nun ist Lee Sang-ils „The Unforgiven“ zwar nicht so makellos wie es Clint Eastwoods 1992 gedrehter Western war, der dem Regisseur seine ersten Oscars einbrachte, doch auch diese japanische Version hat manche Qualitäten. Abgesehen von den imposanten Bildern der nördlichen, oft schneebedeckten japanischen Insel Hokkaido ist das vor allem der inzwischen auch international bekannte Ken Watanabe („Inception“, Letters from Iwo Jima“), der als abgehalfterter Samurai, der nur widerwillig noch einmal zum Schwert greift eine gute Figur macht.
 
Als eigenständiger Film wird „The Unforgiven“ immer dann besonders interessant, wenn er japanische Elemente in die Geschichte einbringt. So spielen etwa die Ainus eine wichtige Rolle, die Ur-Einwohner Hokkaidos, denen ein ähnliches Schicksal widerfahren ist, wie den Indianern des amerikanischen Westens. Als Opfer ungezügelter Gewalt und Diskriminierung zeigt Lee Sang-il die Ainus und deutet damit die Konsequenzen einer Ideologie an, die auf Krieg und Rache gebaut ist. In solchen Momenten gelingt ihm eine spannende Mischung aus Western-Motiven und japanischer Kultur, vermischen sich die Wehen der Post-Shogunat-Zeit, als tausende ehemalige Samurai plötzlich ohne Aufgabe Japan unsicher machten, mit den Mythen des amerikanischen Westerns.
 
Michael Meyns