Time Trial – Die letzten Rennen des David Millar

Profiradsport und Doping sind nicht mehr zu trennen, zu sehr haben Enthüllungen und Betrug in den letzten Jahren die Aufmerksamkeit von der rein sportlichen Leistung abgelenkt. Insofern wagt Finlay Pretsel in seiner impressionistischen Dokumentation „Time Trial – Die letzten Rennen des David Millar“ einen schwierigen Spagat, porträtiert er doch einen geständigen Dopingsünder, aber auch den Alltag eines Profiradfahrers.

Webseite: www.timetrialfilm.de

Großbritannien 2017 – Dokumentation
Regie: Finlay Pretsel
Länge: 81 Minuten
Verleih: mindjazz Pictures
Kinostart: 5. Juli 2018
 

FILMKRITIK:

Der Schotte David Millar war zwar nie einer der ganz Großen des Radsports, wurde in seiner Heimat jedoch als erster Radfahrer bewundert, der bei allen drei großen Rundfahrten – der Tour de France, dem Giro d'Italia und der spanischen Vuelta – das Trikot des Führenden trug. Auch einzelne Etappen bei allen drei Rundfahrten gewann er, doch 2004 wurde er des Dopings überführt und zwei Jahre gesperrt.

Nach seiner Rückkehr entwickelte sich Millar zum vehementen Anti-Doping-Kämpfer, der seine eigene Schwäche nie zu kaschieren versuchte, sondern sich mit harschen Worten als Verlierer und Betrüger bezeichnete. 2014 fuhr Millar seine letzte Saison, hatte ein großes Ziel vor Augen: Noch ein letztes Mal am berühmtesten Radrennen der Welt, der Tour de France teilzunehmen.

All das mag man wissen, aber eigentlich spielt es in Finlay Pretsels Dokumentation kaum eine Rolle, wirkt manchmal gar wie Informationen, die eben vermittelt werden müssen, denn ohne über Doping zu reden kann man eben heutzutage keinen Film übers Radfahren im allgemeinen und über David Millar im speziellen drehen.

Doch „Time Trial – Die letzten Rennen des David Millars“ funktioniert nicht, wie man es erwarten könnte. Weder ist es eine klassische Dokumentation über Millar, die seinen Aufstieg und Fall und schließlich sein Comeback schildert, es ist aber auch keine Anklage, schon gar nicht an das System Radsport im allgemeinen. Was Pretsel im Kern offenbar interessierte, ist die Faszination Profiradsport, diese oft wahnwitzig anmutende Sportfahrt, in der wagemutige Männer praktisch ungeschützt, auf zwar sündhaft teuren, aber dennoch fragil anmutenden Geräten über Asphaltstraßen jagen, Berge erklimmen und vor allem mit einem Tempo hinabrasen, das kaum ein Autofahrer auf den engen Serpentinenstraßen wagen würde.

Dazu die Kameradie im Fahrerlager, die täglichen Routinen und Strapazen einer Rundfahrt, die Pretsel ebenso hautnah einfängt, wie das Fahren selbst. Mittels winziger, an den Rädern montierter Kameras gelingen ihm eindrucksvolle Bilder, die den Zuschauer mitten ins Fahrerfeld werfen und einen kleinen Eindruck von der Dynamik des Radsports vermitteln.

Unterbrochen werden diese impressionistischen Momente immer wieder von Szenen, in denen Millar über sich und sein Schicksal brütet, in denen er augenscheinlich genervt von den immer gleichen Fragen nach seiner Dopingvergangenheit karge Antworten gibt. Ein etwas schizophrenes Bild entsteht dadurch, eine zweigeteilte Dokumentation, die sich einerseits komplett der Ästhetik und Faszination des Radsports hingibt, andererseits aber auch um kritische Distanz bemüht ist. Dadurch vermeidet Pretsel zwar, so naiv verklärend zu sein wie etwa einst Pepe Danquart in seinem Film „Höllentour“, eine runde Sache ist „Time Trial – Die letzten Rennen des David Millar“ aber nicht ganz geworden.

Michael Meyns