Unterwegs mit Jacqueline

Französisches Wohlfühlkino vom Feinsten: Die algerisch-französische Komödie hat alles, was ein Sommerhit braucht – Spaß, Leichtigkeit und dazu einen absolut brillanten, sympathischen Hauptdarsteller. Fatsah Bouyahmed spielt den algerischen Bauern Fatah, der mit seiner Kuh Jacqueline die ganze Strecke von Marseille nach Paris zur Landwirtschaftsaustellung läuft und dabei allerhand Abenteuer erlebt, viele Menschen kennenlernt und zum Internethelden avanciert. Ein modernes Märchen, das nicht immer realistisch ist, aber dafür umso liebenswerter. Ein entzückender Film!

Webseite: www.alamodefilm.de

Originaltitel: La vache
Frankreich / Marokko 2016
Regie: Mohamed Hamidi
Drehbuch: Mohamed Hamidi, Alain-Michel Blanc, Fatsah Bouyahmed
Darsteller: Fatsah Bouyahmed, Lambert Wilson, Jamel Debbouze, Hajar Masdouki
91 Minuten
Verleih: Alamode
Kinostart: 14. Juli 2016
 

FILMKRITIK:

Fatah sieht aus, wie sich Klein-Fritzchen einen Finanzbeamten vorstellt: bebrillt, mit weichendem Haupthaar und schlecht sitzenden Klamotten, zudem in seinen Bewegungen immer ein bisschen staksig und unbeholfen. Tatsächlich aber ist Fatah ein Bauer in Algerien. Er hat eine Frau, zwei wohlgeratene Töchter, und er hat Jacqueline, eine milchkaffeebraune Kuh mit sanften Riesenaugen – Fatahs ganzer Stolz. Sein größter Traum ist, sie auf der Landwirtschaftsmesse in Paris zu präsentieren. Und eines Tages geht der Traum in Erfüllung: Fatah kann nach Paris fahren, um Jacqueline beim Wettbewerb um die schönste französische Kuh vorzustellen. Das ganze Dorf legt für die Schiffsreise zusammen, und gegen den Willen seiner Frau Naïma macht sich Fatah mit Jacqueline auf die abenteuerliche Reise, die ihn zu Fuß von Marseille nach Paris führt, denn für mehr als die Schiffsüberfahrt hat das Geld nicht gereicht. Auf ihrem Marsch in die Hauptstadt treffen Bauer und Kuh viele, meist freundliche Menschen, und das ist kein Wunder, denn Fatah selbst ist ein so sympathischer, liebenswerter Mann, dass ihm niemand widerstehen kann. Auch Philippe nicht, dessen Familienname so ellenlang wie beeindruckend ist. Philippe ist ein verarmter Adliger mit vielen Sorgen, der Fatah hilft, als Jacqueline im morastigen Untergrund eines Flüsschens stecken geblieben ist. Aus dieser ersten Begegnung entwickelt sich eine Freundschaft zwischen den beiden gar nicht mal so unterschiedlichen Männern, bei denen sich nicht nur die Menschen, sondern auch zwei Kulturen kennenlernen. Fatah gerät von einer abstrus komischen Situation in die nächste. Und irgendwann in diesem wunderhübschen Märchen ist es dann auch beinahe egal, ob Fatah und Jacqueline rechtzeitig zum Wettbewerb nach Paris kommen. Dass der algerische Bauer schließlich zum Internethelden wider Willen wird, ist für den eigentlich schüchternen Fatah dann noch die letzte Herausforderung, die er – wie alles andere –voller Zuversicht annimmt.
 
Vorbild für den Film ist der französische Klassiker „La vache et le prisonnier“ (deutscher Titel: „Ich und die Kuh“) von Henri Verneuil mit dem legendären Fernandel in der Hauptrolle. In einer Szene auf Philippes Schloss sieht Fatah sogar diesen Film und ist zu Tränen gerührt, was dann auch symptomatisch für den ganzen Film ist. Denn dieser Fatah ist eigentlich ein hypersensibler Träumer, also ganz und gar untypisch für einen Bauern, den man sich eher handfest vorstellt, und dennoch sehr authentisch. Aus diesem hübschen Gegensatz bezieht der Film einen Großteil seiner liebenswürdigen Situationskomik. Da wird Fatah beim Karaoke im Volksfestzelt zum Schlagerstar, er gibt in medialer Unschuld ganz offene Fernsehinterviews und lässt sich schließlich auch gern mal feiern. Doch das Leben hält auch üble Überraschungen bereit: Mit Philippe muss er in einer Polizeizelle schmoren, Naïma droht mit Scheidung, und ein veritabler Fehltritt (Weiber! Alkohol!) macht aus Fatah einen Internetstar. Doch egal, was passiert: Fatah verliert nicht den Mut, sondern er macht das Beste aus jeder Situation.
 
Mohamed Hamidi erzählt in einem angenehmen Tempo, das zu der meist ländlichen Kulisse passt. Dazu gibt es einen tollen, jazzig orientalischen Soundtrack, der schon für sich gute Laune macht. Neben dem großartigen Hauptdarsteller Fatsah Bouyahmed, der sich die Rolle teilweise selbst auf den Leib schreiben durfte, glänzt der ehemalige Filmschönling Lambert Wilson als depressiver Adliger. Jamel Debbouze, ebenfalls bekannt aus unzähligen französischen Filmen, spielt Fatahs Schwager als mies gelaunten Hektiker, der sich im Nullkommanix ans westliche Leben angepasst hat. Nebenher und ganz unspektakulär geht es dann auch um das Zusammentreffen zweier Kulturen, und in schöner Beiläufigkeit betrachtet Mohamed Hamidi das gespannte Verhältnis Frankreichs zum Islam. Mohamed Hamidi hat einen wunderbar komischen, durch und durch optimistischen Film geschaffen, der von unterschiedlichen Menschen in unterschiedlichen Kulturen handelt, die dennoch vieles gemeinsam haben. Fatah ist der unschuldige Held, der von einer Beinahekatastrophe in die nächste geworfen wird, in einem modernen Märchen, das dennoch sehr authentisch ist. Seine Botschaft: Mit Freundlichkeit und Zuversicht lassen sich alle Probleme irgendwie bewältigen. Das ist allerbestes französisches Wohlfühlkino.

Gaby Sikorski