Waiting for the Sea

In beeindruckenden Bildern erzählt Bakhtiar Khudoijnazarov von der Hoffnung auf bessere Zeiten. Wie in einem Gleichnis dreht sich die Geschichte vom Kapitän, der mit dem Schiff auch das Wasser verloren hat und beides zurückbekommen möchte, um Menschen, die verzweifelt gegen ihr Schicksal ankämpfen. Der melancholische und sehr ernsthafte Film ist außerdem eine kaum verhüllte Anklage gegen vom Menschen verursachte Umweltkatastrophen, von denen vor allem die Austrocknung des Aralsees als Impuls für die Story diente.

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Originaltitel: V ozhidanii morya
Frankreich, Rumänien, Belgien, Deutschland, Kasachstan
Regie: Bakhtiar Khudoijnazarov
Drehbuch: Sergej Ashkenazy
Kamera: Jan Vancaillie, Dusan Joksimovic, Rifkat Ibragimov
Darsteller: Egor Beroev, Anastasia Mikulchina, Detlev Buck Dinmukhamet Akhimov
Länge: 110 Minuten
Verleih: pallas film gmbh
Kinostart: 11. Dezember 2014
 

FILMKRITIK:

Kapitän Marat trägt eine schwere Schuld: Er hat sein Schiff verloren, seine Besatzung ist verschollen, und ebenso seine geliebte Frau, die er auf die Unglücksfahrt mitgenommen hatte. Als einziger Überlebender kehrt er nach vielen Jahren in sein heimatliches Fischerdorf zurück. Doch das Meer ist verschwunden. Marats Schiff liegt als Wrack weit entfernt von der Küste auf dem Trockenen. So beschließt der Kapitän, es zurück ins Meer zu bringen, um dort seine Besatzung, seine Frau – also sein Leben – wiederzufinden und damit auch den Lebenssinn und die Lebensfreude für seine ehemaligen Freunde und Nachbarn. Die meisten halten ihn für wahnsinnig, nur wenige halten zu ihm, der Vater seiner Frau Dari und sein alter Kumpel Balthazar.
 
Laut und leidenschaftlich sind die Menschen in diesem Film. Der ruhigste ist noch Marat selbst, der so schwer an der Last seiner Verantwortung trägt, dass es scheint, als seien beinahe alle Gefühle in ihm erloschen mit Ausnahme seiner Schuld. Im Gegensatz zu ihm sind die heutigen Dorfbewohner triebgesteuerte Wesen, die ihre Obsessionen ausleben. Detlev Buck spielt Marats Freund Balthazar mit viel rrrussischer Seele als alten Wilden. Anastasia Mikulchina ist in einer Doppelrolle als Dari und Tamara zu sehen: eine lässige Schöne voller unerfüllter Sehnsüchte. Sehr differenziert ist dagegen das Spiel von Egor Beroev als Seemann, dessen Leben eine abrupte Wendung erfuhr, von der er sich nicht erholt hat. Allein mit seinem Verstand und mit seiner Muskelkraft versucht er, den Kahn wieder ins Meer zu ziehen – eine Sisyphos-Arbeit, die er auf sich nimmt, um in der Hoffnung auf Erlösung gleichzeitig zu vergessen und gegen das Vergessen anzukämpfen. Der modische Ausdruck dafür lautet Trauerarbeit.
 
Für seine Parabel vom Seemann ohne See hat Bakhtiar Khudoijnazarov wunderschöne suggestive Bilder gefunden, die sich ins Gedächtnis brennen. Beinahe bizarr wirken die Aufnahmen vom See ohne Wasser, auf dessen Grund nun eine Sandwüste entstanden ist – eine ideale Kulisse für diese Geschichte von der ewigen Frage des Menschen um den Sinn seines Lebens und seinens Handelns. Wie Berge begrenzen die ehemaligen Uferstrände den Seeboden, auf dem sich Strandsegler zwischen den Schiffswracks Rennen liefern. Doch vor allem ist es Egor Beroev als Marat, der diesen Film trägt und zieht, so wie er sein Schiff zieht, meistens im absolut wörtlichen Sinne, mithilfe einer Seilwinde, was ihn sinnbildlich zum Märtyrer der neuen Zeit macht. Er quält sich, um sich reinzuwaschen, während die anderen ihr Schicksal zu akzeptieren scheinen. Marats Beharrlichkeit und seine Zielstrebigkeit machen ihn zum Hoffnungsträger für eine neue, vielleicht bessere Zeit.
 
Gaby Sikorski