Weightless

Im Spielfilmdebüt des kanadischen Werbefilmregisseurs Jaron Albertin muss sich ein einzelgängerischer Arbeiter unverhofft um seinen Sohn kümmern. Dabei tappt Albertin nicht in die vielen Klischeefallen, die sich bei einem solchen Stoff ergeben, sondern setzt auf kleine, wahrhaftige Momente und eine durchweg starke Atmosphäre. Dass „Weightless“ nicht komplett rund wirkt, liegt an einigen irritierenden Zwischenszenen, die das an sich einfache und bodenständige Drama unnötig verkomplizieren.

Webseite: www.kinostar.com

USA 2017
Regie: Jaron Albertin
Darsteller/innen: Alessandro Nivola, Eli Haley, Phoebe Young, Julianne Nicholson, Johnny Knoxville, Marc Menchaca, K. Todd Freeman
Laufzeit: 93 Min.
Verleih: Kinostar
Kinostart: 31. Januar 2019

FILMKRITIK:

Fulton County, Georgia: Der wortkarge Müllhalden-Arbeiter Joel (Alessandro Nivola) lebt recht unspektakulär vor sich hin. Tagsüber schuftet er, abends geht er in die Kneipe oder trifft seine neue Freundin Janeece (Julianne Nicholson). Als seine Exfrau Sarah (Meryl Jones Williams) spurlos verschwindet, muss sich der Außenseiter plötzlich um seinen 10-jährigen, stark übergewichtigen und diabeteskranken Sohn Will (Eli Haley) kümmern, den er zuvor nie gesehen hat. Während die zugewandte Nachbarstochter Clara (Phoebe Young) den scheuen Jungen ein Stück aus der Reserve lockt, wächst Joel nach anfänglicher Ratlosigkeit in die Vaterrolle herein. Sein Arzt Dr. McLeod (K. Todd Freeman) traut dem mental angeschlagenen Mann die Kindesbetreuung allerdings nicht zu und will den Sohn in einer Pflegefamilie unterbringen lassen.
 
Wer den Müllarbeiter Joel nach der Einführung als zurückgezogen und schweigsam wahrnimmt, liegt sicher nicht falsch. Was Introvertiertheit angeht, schießt sein Sohn Will allerdings den Vogel ab. Der vom Schauspieldebütanten Eli Haley verkörperte Junge spricht lange Zeit überhaupt kein Wort. Nebenbei erfahren wir, dass er nach dem Verschwinden der Mutter drei Wochen allein ausharrte, was seine Abkehr von der Welt verstärkt haben mag. Unterm Strich teilen Vater wie Sohn eine depressive Grundstimmung, was in der farbentsättigten Bildgestaltung von Kameramann Darren Lew (Serie „Maniac“) widerhallt. Ein Wohlfühlfilm ist „Weightless“ nicht geworden, auch wenn er hoffnungsvolle Momente beinhaltet.
 
Auf große dramatische Paukenschläge verzichten Jaron Albertin und die Drehbuchautorin Enda Walsh („Hunger“). Stattdessen drücken sich die Emotionen der Figuren oft in wortlosen Blickwechseln aus. Prägender als der Plot sind die Atmosphäre und einige starke Einzelmomente. Einer davon zeigt, wie Joel vor der Ankunft des Sohns seine karge Wohnung umräumt: Auch wenn es für Außenstehende nicht direkt ersichtlich ist, tut der Mann sein Bestes, findet sich mit der neuen Situation aber nur schwer zurecht.
 
Das sensible Spiel von Alessandro Nivola („Junebug“) und seinem Film-Sohn Eli Haley tragen viel zum Gelingen bei. In einer sympathischen Nebenrolle als freundschaftlich gesinnter Chef fällt der vorrangig für „Jackass“-Krawall bekannte Johnny Knoxville auf. Die von Julianne Nicholson („I, Tonya“) gespielte Janeece dient anfangs als Orientierungshilfe für Joel, macht die Bühne aber bald für ein Vater-Sohn-Drama frei.
 
Was den runden Eindruck etwas trübt, sind ein paar ambivalente und nie auserzählte Hinweise, darunter Aufnahmen von Überwachungskameras, die die verschwundene Exfrau und Mutter Sarah zeigen. So schwankt das Drama zwischen dem Erzählen einer wohl absichtlich deutungsoffenen Handlung und einer rein atmosphärischen Vermittlung, die hier die stärkeren Momente hervorbringt. Am Ende bleiben einige Fragen unbeantwortet, was einerseits unbefriedigend wirkt, andererseits dem wahren Leben nahekommt.
 
Christian Horn