Wer wir sind und wer wir waren

Szenen einer Ehe. Oder genauer: Szenen vom Ende einer Ehe. Annette Bening und Bill Nighy spielen ein älteres Paar, das seit fast drei Jahrzehnten verheiratet ist. Doch erst jetzt stellt der Mann fest, dass sie vielleicht gar nicht zueinander passen. Und: Er hat schon eine Andere. Unfreiwilliger Zeuge des Dramas: ihr erwachsener Sohn, der keine Partei ergreifen darf. Packendes, mitunter beklemmendes Drama, in dem vor allem Annette Bening als zynische und stolze Frau brilliert, die sich nicht so schnell unterkriegen lässt

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OT: HOPE CAP
GB 2019
Regie: William Nicholson
Darsteller: Annette Bening, Bill Nighy, Josh O’Connor, Sally Rogers, Aiysha Hart
Länge: 100 Min.
Verleih: Tobis
Kinostart: 21.5.2020

FILMKRITIK:

Grace (Annette Bening) und Edward (Bill Nighy) leben in einem malerischen Küstenort im Süden Englands, in der Nähe der Klippen namens „Hope Gap“ (so auch der englische Originaltitel). Sie sind seit 29 Jahren verheiratet, eine verdammt lange Zeit, doch jetzt knirscht es im Gebälk. Grace und Edward passen irgendwie gar nicht zusammen, das wird für den Zuschauer gleich deutlich. Sie vermeiden Aussprachen und Wahrheiten. Besonders Edward fühlt sich ständig unwohl, weil er glauben muss, Grace’ Ansprüchen nicht zu genügen, ihren Erwartungen nicht zu entsprechen, überhaupt: nicht der Richtige für sie zu sein. Auf die Vorwürfe seiner Frau reagiert er zumeist mit passivem Schweigen – was die Sache nur noch schlimmer macht. Als Beweis dafür dient gleich zu Beginn ein Streit, den Grace in ihrem Entrüstungsbedürfnis vom Zaun bricht. Es geht eigentlich um nichts. Doch schon sieht sich Edward in die Enge getrieben. Ihre einzige Gemeinsamkeit ist ihr Sohn Jamie (Josh O’Connor), der eigentlich nur noch selten zu Besuch kommt, jetzt aber vom Vater eingeladen wurde. Er braucht ihn als Beistand. Denn: Edward hat sich in eine andere verliebt. Er will Grace verlassen und hat schon die Koffer gepackt. Doch die gibt so schnell nicht auf.

William Nicholson hat ein kraftvolles Drama inszeniert, das sich ganz auf seine drei Hauptfiguren konzentriert. Dabei steht Grace als extrovertierte, energische Exzentrikerin im Mittelpunkt. Nicht, dass man als Zuschauer mit ihr sympathisieren würde. Dafür ist sie einfach zu streitsüchtig, selbstbezogen und fordernd. Mit dem Pathos, das ihr Annette Bening zuweilen verleiht, wird aber auch deutlich: Sie hat Angst, vor der Einsamkeit, vor einem Leben ohne Liebe. Darum reagiert sie oftmals unvernünftig (mitunter aber auch sehr komisch, etwa, wenn sie ihren neuen Hund Edward tauft) und treibt ihr Scheitern selbst voran. Bill Nighy hingegen verkörpert perfekt den sprachlosen Mann, der sich den Vorwürfen seiner Frau nur noch durch Flucht erwehren kann. Doch da ist noch etwas anderes: Seine neue Lebensgefährtin akzeptiert ihn so, wie er ist, mit allen Macken und Fehlern. Zwischen den Stühlen sitzt Jamie, der für keine Seite Partei ergreifen darf, obwohl er sich von seiner überfürsorglichen Mutter deutlich entfremdet hat.

Nicholson betritt mit seinem Film kein neues Terrain. Existenzielle Angst, der Verlust von Liebe, die Einsamkeit des Alters – all das haben Regisseure wie Ingmar Bergman oder Michelangelo Antonioni mit ihren Filmen bereits perfekt aufbereitet, aber auch Charlotte Rampling und Tom Courtenay in „45 Years“ sowie Stanley Tucci und Emma Thompson in „Kindeswohl“ wären zu nennen. Auch wenn manche Ideen zu weit weg führen (Grace bereitet einen Gedichtband vor, darum sind des öfteren Keats und andere Dichter zu hören; Edward denkt als Geschichtslehrer über den verlustreichen Rückzug Napoleons aus Russland nach), so ist Nicholsons Film doch sehr authentisch, unsentimental und lebensklug geraten. Wie gesagt: ein kraftvolles Drama.

Michael Ranze