Wer4Sind

Pünktlich zum 30jährigen Bandjubiläum kommt Thomas Schwendemanns Dokumentation „Wer 4 sind – Die Fantastischen Vier“ ins Kino, ein liebevolles Portrait der Deutsch-Hip-Hopper. Anfangs belächelt, haben sich die vier Schwaben längst auch in der Szene Respekt verschafft und sind trotz angegrautem Haar und Bauchansatz immer noch nur bedingt erwachsen.

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Dokumentation
Deutschland 2019
Regie & Buch: Thomas Schwendemann
Länge: 106 Minuten
Verleih: NFP, Vertrieb: Filmwelt
Kinostart: 15. September

FILMKRITIK:

Mit dem Spaß-Song „Die da!?!“ kam 1992 der Durchbruch. Praktisch über Nacht waren die vier Jungs aus Stuttgart bundesweite Berühmtheiten. Thomas D, Smudo, Michi Beck und And.Ypsilon nannten sich die vier Hip Hopper, die mit ihren grellbunten Klamotten, seltsamen Tanzbewegungen und einem bizarren Musikvideo auf den Musiksendern MTV und Viva rauf und runter gespielt wurden.

Seitdem ist viel Zeit vergangen, wurden zahlreiche Platten gemacht und unzählige Konzerte gespielt, Haare wurden grau, Bäuche wuchsen, doch Die Fantastischen Vier machen immer noch Musik zusammen. Bei den Aufnahmen zu ihrem bislang letzten Album Captain Fantastic beobachtete Thomas Schwendemann das Quartett und ihre nähere Umgebung und formte aus dem Material eine Ode an die Deutschrapper.

Ähnlich wie vergleichbare Filme, zuletzt etwa der Tote Hosen-Film „Weil du nur einmal lebst“ oder unzählige Dokumentationen über internationale Bands oder Musiker, versagt sich auch Schwendemann jeder kritischen Einordnung, belässt es bei euphorisch jubelnden Kommentaren von Freunden und Wegbegleitern und bleibt stets ganz und gar Fan. Dankenswerterweise sind die vier Mitglieder der Fantastischen Vier inzwischen selbstreflektiert genug, um ihren eigenen Werdegang mit der nötigen Distanz zu betrachten. Trotz des großen Erfolges, den das Quartett seit Jahrzehnten immer noch und immer wieder hat, entstehen so die Portraits von vier ganz unterschiedlichen Menschen, die trotz ihres Erfolges offenbar erstaunlich sie selbst geblieben sind.

Wie sie es geschafft haben, trotz allem über so lange Zeit Freunde zu bleiben scheint ihnen dabei selbst ein kleines Rätsel zu sein. Verbrachten sie anfangs jede freie Minute damit, Musik zu machen, Konzerte zu geben und den schnellen Erfolg zu genießen, stellte sich bald die Sinnfrage: „Reich und berühmt waren wir, die Mädels hatten wir auch, was wollten wir da noch erreichen?“ Ende der 90er war das und von da an trennten sich die Wege der Vier zumindest räumlich. Smudo zog nach Hamburg, entdeckte seine Leidenschaft für den Motorsport und das Fliegen, Michi Beck zog es nach Berlin, wo er unter anderem ein Modelabel gründete, Thomas D. kaufte einen Bauernhof in der Eifel, wo er ganz abgeschieden lebt, allein And.Ypsilon blieb nach einigen Umwegen in Stuttgart, wo er heute Professor an einer Musikschule ist.

Zusammen kommen die Vier also nicht mehr täglich, führen eigene, ganz unterschiedliche Leben. Doch regelmäßig reizt es sie immer wieder, neue Musik aufzunehmen, sich neu zu erfinden, auf der Bühne zu stehen und die Liebe ihrer Fangemeinde zu spüren. Dabei nicht stillzustehen, weder den Berufsjugendlichen zu spielen, noch spießig und alt zu wirken, das ist die Kunst, die die Fantastischen Vier gemeistert haben. Während andere, auch weitaus berühmtere Bands, sich damit begnügen, uralte Songs zu spielen, reizt es die Vier offenbar, nicht stillzustehen, auch durch den Input jüngerer Kollegen relevant zu bleiben. Vielleicht liegt darin das Geheimnis der Fantastischen Vier, die zwar selbst zugeben, dass sie langsam alt werden und auf der Bühne ihre Körper spüren, die aber dennoch immer noch, trotz allem, im Herzen jung geblieben sind.

Michael Meyns