Zeit die bleibt, Die

DIE ZEIT, DIE BLEIBT

Der erfolgreiche Modefotograf Romain erfährt, dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist und nur noch wenige Wochen zu leben hat. In einem aufrichtigen und poetischen Porträt zeichnet François Ozon die seelischen und körperlichen Veränderungen nach, die Romain in der Zeit, die ihm noch bleibt, durchläuft.

www.die-zeit-die-bleibt.de

(Le temps qui reste)
Frankreich 2005
Regie und Buch : François Ozon
Kamera: Jeanne Lapoirie
Ton: Brigitte Taillandier, Aymeric Devoldère
Schnitt : Monica Coleman
Darsteller : Melvil Poupaud, Jeanne Moreau, Valeria Bruni-Tedeschi, Daniel Duval, Marie Rivière, Christian Sengewald
Länge: 86 Minuten
Verleih: Prokino/Twentieth Century Fox
Starttermin: 2.3.2006

Ein Interview der BERLINER ZEITUNG mit Regisseur Francois Ozon findet sich hier…

Pressestimmen:

Natürlich kann man nicht wissen wollen, wie sich Ozons Jedermann ungetröstet und doch ohne pathetisches Wehgeschrei vom Leben verabschiedet. Aber wenn man sich auf den leisen, zärtlichen Sog der Erzählung einlässt, lernt man, fast wider Willen, diesen ungeselligen Kerl Romain zu lieben und um ihn zu trauern.
Der Spiegel 

Ein seltenes filmisches Juwel.
Filmecho

Der junge Fotograf Romain erfährt von seinem baldigen Krebstod und nutzt seine schwindende Zeit zur radikalen Selbstfindung. Souverän melancholisches Kino-Highlight des Regiewunders Ozon ("8 Frauen"), der sein großartiges Ensemble auch dieses Mal wieder zu Höchstleistungen treibt.
KulturSPIEGEL

Eine sehr persönliche, nicht nur melancholische, sondern bisweilen auch humorvolle Betrachtung des Sterbens, die auf die Ambivalenz der Hauptfigur setzt, nuanciert dargestellt von Melvil Poupaud.
Blickpunkt:Film

Filmkritik:

Ähnlich wie Lars von Trier erfindet sich François Ozon mit jedem seiner Filme neu. Unmittelbar nach dem intimen Porträt einer trauernden Frau in „Unter dem Sand“ drehte der Regisseur mit „8 Frauen“ schrillstes Boulevardtheater, auf das erotische Verwirrspiel „Swimming Pool“ folgte der streng rückwärts choreografierte melancholische Paartanz „5×2“. Bei aller Unterschiedlichkeit haben die Filme dabei eines gemeinsam: die strikte formale Begrenzung (auf einen Ort, einen Zeitrahmen oder eine Person) in deren Rahmen Ozon seine Protagonisten mit einem unbestechlichen Blick für die kleinen Gesten der Verleugnung und des Begehrens beobachtet.

In „Die Zeit die bleibt“ erfährt der junge aufstrebende Modefotograf Romain (Melvil Poupaud), dass er unheilbar an Krebs erkrankt ist und nur noch wenige Wochen zu leben hat. Eine Chemotherapie, die kaum Aussicht auf Heilung verspricht, lehnt er ab. Romain verrät zunächst niemandem von seiner Krankheit, sondern nimmt sich Urlaub und verhält sich weitgehend wie immer. Die unterirdischen Umwälzungen, die das Wissen um seinen bevorstehenden Tod in ihm auslöst, verursachen an der Oberfläche nur kleinste Wellen. Beispielsweise nimmt die Ehrlichkeit und Härte zu, mit der Romain seinen Mitmenschen begegnet. Der Schwester wirft er vor, eine verklemmte Spießerin zu sein, den Vater stellt er zur Rede über längst vergangene Affären und das Verhältnis zur Mutter und seinen Freund Sasha wirft er aus der Wohnung. Später durchläuft Romain Phasen von Verzweiflung, Zärtlichkeit, Einsamkeit und Reflexion. Er besucht seine Großmutter (Jeanne Moreau), die einzige Angehörige, der er sich wirklich nahe fühlt, und weiht sie in sein Geheimnis ein; er arrangiert ein letztes Treffen mit Sasha, spricht mit seinem Arzt und geht viel alleine spazieren.

Ozon bleibt mit der Kamera immer dicht an der Hauptperson und zeichnet Melvil Popauds kleinste Regungen und Nicht-Regungen auf. Die toten Augen, mit denen er geradeaus starrt während er in seinem Kaffee rührt. Die Zärtlichkeit, mit der er seiner Großmutter begegnet. Vor allem aber den zerbrechlichen Körper Romains, der zusehends verfällt und dabei nichts von seiner Schönheit verliert. Im Gegenteil: umso dünner und elender Romain aussieht, desto zärtlicher scheinen Jeanne Lapoiries leuchtende Cinemascope-Bilder mit ihm umzugehen.

In seiner Intimität und Körperlichkeit erinnert „Die Zeit die bleibt“ sowohl an Patrice Chéreaus „Sein Bruder – Son frère“ als auch an Ozons eigenen Film „Unter dem Sand“, ist dabei aber handlungsreicher und weniger kompromisslos. Immer wieder durchbrechen Szenen, in denen Romain seinem Kinder-Ich oder auch einer seltsamen Fremden begegnet, die Anspannung, die über dem Geschehen liegt – Szenen, die das Zuschauen erleichtern, aber zugleich die extreme Nähe und Intensität verhindern, die „Sein Bruder“ und „Unter dem Sand“ auszeichneten.

„Die Zeit die bleibt“ ist der zweite Teil von Ozons Trilogie über den Tod, die mit „Unter dem Sand“ begann. Der dritte Teil soll vom Tod eines Kindes handeln.

Hendrike Bake