Zeit für Legenden – Die unglaubliche Geschichte des Jesse Owens

Sein Bild auf dem Siegerpodest avancierte zur Ikone: Bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin gewinnt der afroamerikanische Ausnahmesportler Jesse Owens vier Goldmedaillen. Damit triumphiert die Legende der Leichtathletik über nationalsozialistische Hetze und gibt Hitlers Rassen-Ideologie der Lächerlichkeit preis. Regisseur Stephen Hopkins blickt mit seiner bewegenden Hommage an den schnellsten Mann der Welt auch hinter die Kulissen des Sports und seiner Funktionäre. Vor allem der junge kanadische Hauptdarsteller Stephen James überzeugt in dem packenden Sportdrama gegen Rassismus. Beachtlich ist auch sein perfektes Zusammenspiel mit seinem Trainer Larry Schneider, dargestellt von Jason Sudeikis. Ein grandioses Duo, bei dem die Chemie stimmt.

Webseite: www.zeit-fuer-legenden.de

Kanada/ Frankreich/Deutschland 2016
Regie: Stephen Hopkins
Darsteller: Stephan James, Jason Sudeikis, Jeremy Irons, William Hurt, Shanice Banton, Eli Goree, David Kross
Drehbuch: Joe Shrapnel, Amanda Waterhouse
Länge: 118 Minuten
Verleih: Universum Film, Vertrieb: DCM
Kinostart: 28. Juli 2016
 

FILMKRITIK:

„Ich trau Naturtalenten nicht“. Damit empfängt  Trainer Larry Snyder (Jason Sudeikis) den jungen afroamerikanischen Sprinter Jesse Owens (Stephan James) an der Ohio State University. Der 22jährige Leichtathlet aus Cleveland belehrt ihn freilich bald eines Besseren. Staunend steht der Coach vor seiner enormen Schnelligkeit auf der Aschenbahn. Immer wieder läuft Jesse Bestzeiten. Schon bald fördert er seinen talentierten Schützling vorbehaltlos. Selbst vor rassistischen Übergriffen des elitären Footballteams, die in Zeiten von Rassentrennung in den USA zum Alltag von Schwarzen gehören, kann der loyale Sportlehrer ihn schützen.
 
Jesse selbst genießt seinen Aufstieg aus ärmlichen Verhältnissen und vergisst darüber zeitweise seine Jugendliebe Ruth (Shanice Banton), mit der er zusammen bereits eine kleine Tochter hat. Doch schon zu Beginn seiner Karriere steht der Ausnahmesportler vor einer seiner schwersten Entscheidungen.  Soll er die von den Nazis veranstalteten Olympischen Spiele in Berlin boykottieren und seine Teilnahme absagen, um so gegen das Terrorregime des Dritten Reiches und ihren Rassismus zu protestieren? „Du hast die Chance Geschichte zu schreiben, und die willst du einfach wegwerfen?“, versucht sein Coach ihn zu überzeugen. Und selbst seine Frau Ruth erinnert ihn an seine außergewöhnliche Begabung.
 
Hinter den Kulissen wird freilich noch darum gerungen, ob Amerika tatsächlich seine Sportler zu Hitlers Propagandaschau schickt. Der schwerreiche Bauunternehmer und Präsident des US-Leichtathletik-Verbandes Avery Brundage (Jeremy Irons) taktiert jedoch so geschickt, dass am Ende die Amerikaner mit dem Dampfer „Manhattan“ von New York aus ins Nazi-Reich aufbrechen. Mit an Bord Jesse, der schnellste Mann der Welt, für den eine aufregende Reise in eine andere Welt beginnt. Im Olympischen Dorf kann er, um Hitlers schönen Schein aufrechtzuerhalten, im selben Haus wohnen wie seine weißen Teamkameraden. In New York dagegen sind die Hotels der Innenstadt für Schwarze gesperrt.
 
Bewegend inszeniert der kanadische Regisseur Stephan Hopkins sein geradliniges filmisches Denkmal für den schnellsten Mann der Welt. Sein Drama gehört fraglos in die Arthouse-Fraktion der Sportfilme, der sich selbst unsportliche Zuschauer kaum entziehen können. Schließlich hinterließ kein anderer Sportler in Berlin so nachhaltig Spuren wie der Afroamerikaner Jesse Owens, der in Nazi-Deutschland mit seinen Sprints faszinierte. Die Berliner waren einst fasziniert von Owens, von der scheinbaren Leichtigkeit seiner Bewegungen, seiner Eleganz. Als er am zweiten Wettkampftag sein erstes Gold gewinnt und brüskiert er Hitler, der auf der Tribüne sitzt. Und noch ein weiteres Mal widerlegt er die „rassische Überlegenheit des nordischen Menschen“.
 
Vor allem der junge kanadische Hauptdarsteller Stephen James überzeugt in dem packenden Sportdrama gegen Rassismus. Selbst in den überaus stark inszenierten, mitreißenden  Sprint-Szenen wirkt sein Auftritt absolut authentisch. Beachtlich ist sein perfektes Zusammenspiel mit Jason Sudeikis, der mittlerweile mit Filmen wie „Kill the Boss“ in Hollywood angekommen ist. Ein grandioses Duo, bei dem die Chemie stimmt. Wie schwer die Zeit für den Sprint-Star in den zwanzig Jahren nach dem triumphalen Sieg von vier Goldmedaillen war, deutet die letzte Szene am Ende kurz an. Daheim in New York gibt es für Jesse Owens einen Empfang im luxuriösen Hotel Waldorf Astoria. Als der Olympiasieger die Lobby betritt, weist ihn der Portier an, doch den Eingang für die Dienstboten zu nehmen. Der offizielle ist reserviert – für die weißen Hotelgäste.
 
Luitgard Koch