Ausgrissn

Die Erdinger Julian und Thomas Wittmann, beide in ihren 20ern, wollen ihren großen Traum verwirklichen und reisen von Bayern nach Las Vegas. Auf ihren klapprigen Zündapp-Mopeds, gehüllt in traditionelle Lederhosen, starten die Zwei ihre Reise um die halbe Welt. Die Road-Movie-Doku „Ausgrissn“ schildert ihre Erlebnisse und Erfahrungen. Herausgekommen ist ein alles in allem charmanter, von skurrilen Begegnungen geprägter Film. Er ist nicht gänzlich befreit von Reisefilm-Klischees, nimmt aber genau diesen Aspekt an vielen Stellen augenzwinkernd und schwarzhumorig auf die Schippe.

Website: www.ausgrissn.de/

Deutschland 2020
Regie: Julian Wittmann
Länge: 96 Minuten
Kinostart: 13.08.2020
Verleih: Majestic

FILMKRITIK:

Im August 2018 machten sich Julian und Thomas Wittmann zu einer Tour der besonderen Art auf: Von München ging es ins belgische Antwerpen, von dort auf eine zwei Wochen lange Reise mit einem riesigen Transportschiff in den Big Apple nach New York. Und von dort quer durch die USA bis ans Endziel: in die glitzernde Wüstenstadt Las Vegas (Nevada). Über drei Monate dauerte die Reise. Mit ihren 60er-Jahre-“C50 Super“-Mopeds und gehüllt in bayerische Tracht (Janker, Lederhose), fielen sie optisch von Beginn an auf. Mit der Kamera dokumentierten sie ihre abenteuerliche Überfahrt.

Die Brüder haben sich für einen erfrischenden Einstieg in ihr Werk entschieden: Ganz in Spielfilmmanier betten sie „Ausgrissn“ in eine fiktive Handlung ein. Darin wollen sie ihren Film der versammelten Dorfgemeinschaft zeigen. Sie nutzen diese Rahmenhandlung letztlich auch für einen ironisierenden Blick auf Reise-Doku-Klischees, in dem sie gängige Stereotype sowie klassische Versatzstücke dieser Filmgattung augenzwinkernd entlarven. So werden sie von den anwesenden Gästen – allesamt von bayerischen Volksschauspielern wie Werner Rom und Hans Stadlbauer gespielte, kauzige Zeitgenossen – für ihr Vorhaben belächelt und nicht ernst genommen.

In einer anderen Szene unterstellt einer der Gasthausbesucher den Brüdern, dass sie das auf ihrer Reise Erlebte womöglich erfunden hätten oder Ereignisse gestellt seien („Wer sagt, dass das alles stimmt?“). Auch hier gehen die Brüder humoristisch und intelligent mit Vorurteilen gegenüber Dokumentationen um, die als filmische Reisetagebücher angelegt sind und oft nur die spektakulärsten Sequenzen und Ausschnitte mehrmonatiger Reisen präsentieren.

Die unterschiedlichen Stationen des USA-Trips kommentieren Thomas und Julian Wittmann gemeinsam mit der bayerischen Kabarettistin Monika Gruber gewitzt und pointiert aus dem Off. Gruber spielt eine Reinigungskraft in dem fiktiven Wirtshaus, die sich die Geschichte der Erdinger „Bua’m“ anhört. Nicht alle Szenen und Kapitel des Films sind dabei gleich spannend. Die Bilder der allseits bekannten Sehenswürdigkeiten und Touristen-Highlights zum Beispiel sind Gegenstand nahezu jeder USA-Doku und aller filmischen Amerika-Reiseführer: vom Weißen Haus über die Route 66 und dem Monument Valley bis hin zum Grand Canyon. Vorhersehbar sind die Gründe und Motivationen, wieso die Brüder die Reise antraten und wie es folglich überhaupt zu dem Filmprojekt kam: Sie waren auf der Suche nach der „große Freiheit“ und sehnten sich nach einem Ausbruch aus dem generischen, immer gleichen Alltag. Das ist sympathisch und mit jeder Faser nachvollziehbar, jedoch genauso überraschungsarm und vorauszuahnen.

Gelungen hingegen ist die musikalische Untermalung, die sich stets den Stimmungen auf der Leinwand anpasst. Ist die Laune der Brüder gedrückt und versinken sie in Schwermut oder Nachdenklichkeit, sind sanfte Akustik-Gitarrenklänge zu hören. Geht es euphorisch und gut gelaunt mit den Mopeds über den Highway, vernimmt man positiv gestimmte, traditionell-heimatliche Klänge: Blasmusik oder bayerische Popmusik. Auch bei den Begegnungen und Gesprächen mit den Einheimischen kommt keine Langeweile auf. Denn so bunt, vielfältig und zutiefst widersprüchlich die USA sind, so facettenreich und gegensätzlich sind auch die Menschen, auf die die Brüder treffen: Darunter ein Hillbilly-Selbstversorger aus Tennessee, ein auf der Flucht befindlicher Hells-Angel-Biker und ein traumatisierter Ex-GI, der den Brüdern Schießunterricht erteilt und über seine prägenden Jahre im Irak und in Afghanistan berichtet.

Björn Schneider