Chaos im Netz – Ralph reichts 2

Mit dem Sequel zum 2012er Disney-Animationsfilm „Ralph reichts“ gelingt dem Regie-Duo Phil Johnston und Rich Moore ein schwungvolles und versiert animiertes Abenteuer, das im Geist des Vorgängers von etlichen Anspielungen an die Popkultur durchzogen ist. Diesmal steht statt der pixeligen Welt von Retrogames das Internet im Zentrum. Ein originelles Update!

Webseite: disney.de/filme/chaos-im-netz

OT: Ralph Breaks the Internet
USA 2018
Regie: Phil Johnston, Rich Moore
Drehbuch: Phil Johnston, Pamela Ribon
Sprecher/innen (OV): John C. Reilly, Sarah Silverman, Gal Gadot, Taraji P. Henson, Jack McBrayer, Jane Lynch, Alfred Molina, Ali Wong
Laufzeit: 112 Min.
Verleih: Walt Disney
Kinostart: 24. Januar 2019

FILMKRITIK:

Nach den Ereignissen aus dem ersten Teil sind der gutmütige Videospiel-Scherge Ralph (Sprecher OV: John C. Reilly) aus dem Arcade-Game „Fix-It Felix Jr.“ und die fidele Racing-Prinzessin Vanellope (Sarah Silverman) aus dem Rennspiel „Sugar Rush“ eng befreundet. Tagsüber erfüllen sie ihre Aufgaben in den Spielautomaten einer Arcade-Halle, abends pflegen sie ihre Freundschaft. Doch als das Lenkrad des „Sugar Rush“-Automaten zerbricht, will der Spielhallenbesitzer das Retrospiel durch ein aktuelleres Game ersetzen.
 
Um ein Ersatzlenkrad zu organisieren, speisen sich Ralph und Vanellope kurzentschlossen ins Internet ein, das für die Videospielfiguren tatsächlich Neuland ist. Die Digitalreise beginnt mit einem abstrusen Bieterwettstreit bei eBay, bei dem sich Ralph und Vanellope so lang gegenseitig überbieten, bis der Preis für das Lenkrad bei 27.001 Dollar liegt. Um das Geld zu organisieren, wollen die Freunde ein in Echtgeld umtauschbares Auto aus dem actionhaltigen Online-Rennspiel „Slaughter Race“ ergattern. Zudem imitiert Ralph auf dem Videoportal BuzzTube aktuelle Netztrends, um die Klicks zu monetarisieren.
 
Wie der Originalfilm beinhaltet das Sequel zahlreiche Anspielungen auf die Popkultur. Neben Videospielklassikern und einer Hommage an „King Kong“ dient diesmal das Internet als Referenzpunkt. Die Wimmelbilder im Cyberspace erinnern an den Anime „Summer Wars“ oder Spielbergs „Ready Player One“. Überall poppen Details und Referenzen auf, darunter die Logos von Twitter, Amazon oder der Filmdatenbank IMDb. Das Internetlexikon Wikipedia wird als Buch auf einer antiken Säule dargestellt, das zwielichtige Darknet befindet sich im Untergeschoss. Daneben parodieren die Filmemacher Netzphänomene wie die Autofill-Funktion von Suchmaschinen, lästige Pop-Up-Nachrichten und unschöne Aspekte wie Hasskommentare und sich selbst kopierende Viren. Die schönste Anspielung ist ein wunderbar ironischer Auftritt sämtlicher Disney-Prinzessinnen, die Vanellope auf Disney.com in die Geheimnisse von Gesangseinlagen einweihen. Spätestens, wenn Rapunzel, Bella und co ihre Prinzessinnenkleider durch lässig bedruckte Casual-Shirts eintauschen, tickt der Disneyfilm nah am Zeitgeist.
 
Der von Phil Johnston und Rich Moore gekonnt inszenierte Technikzauber trägt substanziell zum hohen Unterhaltungsfaktor des Animationsfilms bei. Die Vorder- und Hintergründe stecken voller Details, Gimmicks und Gastauftritte, die beim ersten Schauen sicher nicht vollständig wahrgenommen werden können. Es macht einfach jede Menge Spaß, das Internet beziehungsweise die ideenreiche Darstellung desselben an der Seite von Ralph und Vanellope zu entdecken. Ein Highlight ist eine dynamische Verfolgungsjagd, die den Drive eines waschechten Actionfilms erreicht.
 
Nachdem die im Film gültigen Regeln des Internets etabliert wurden, verlagert das Drehbuch-Duo Phil Johnston und Pamela Ribon den Fokus in der zweiten Hälfte auf die anrührende Geschichte. Die Freundschaft zwischen Ralph und Vanellope droht zu zerbrechen, weil sich beide nach unterschiedlichen Dingen sehnen. Ralph will, dass alles so bleibt wie es ist, Vanellope wünscht sich mehr Abwechslung. Entsprechend sagt ihr die freie Streckenführung aus dem Action-Game „Slaughter Race“ mehr zu als der zuckersüße Fun-Racer „Sugar Rush“. Die Krise endet auf eine emotionale Schlussnote, bei der sich die Erkenntnis Bahn bricht, dass Freunde nicht immer einer Meinung sein müssen.
 
Christian Horn

In Disneys 3D-animiertem Abenteuer „Ralph reichts“ erkundete eine Computerspielfigur auf eigene Faust die Welt der Arcade-Spiele. Im Jahr 2018 hat genau diese Welt einen Internetzugang spendiert bekommen und Titelheld Ralph begibt sich mit seiner besten Freundin Vanellope von Schweetz auf in die endlosen Weiten des World Wide Web.
 
Seit sich Ralph und Vanellope vor einigen Jahren im knallbunten Rennspiel „Candy Crush“ kennengelernt haben, sind der zerstörerische Riese und der Glitch mit dem losen Mundwerk beste Freunde. Als sich eines Tages ankündigt, dass Vanellopes Spielstation aufgrund eines fehlenden Ersatzteils für immer abgebaut werden soll, zögert Ralph nicht lange und begibt sich auf eigene Faust ins Internet. Dort soll alles möglich sein, hat er gehört – und tatsächlich finden er und die ihn kurzfristig begleitende Vanellope ebenjenes Ersatzteil bei einer Online-Auktion. Doch unbedarft wie sie sind, bieten sie plötzlich eine horrende Summe, die sie nach dem Zuschlag auch bezahlen müssen. Um an das notwendige Geld zu gelangen, wird aus Ralph ein Internetmeme. Nicht mehr lange und das Internet ist voll von Ralph-Videos und -Bildern, die sich rund um den Erdball großer Beliebtheit erfreuen. Derweil lernt Vanellope online die gefährliche Welt des „Slaughter Race“ kennen. Eine Art „Candy Crush“ für Erwachsene – und hier fühlt sich die junge Rennfahrerin plötzlich ganz schön wohl…
 
Man kann zu Disneys Sequel- und Remake-Manie stehen, wie man möchte: In aller Regel feiert der Mäusekonzern mit seinen Fortsetzungen und Neuauflagen riesige Erfolge. Da wundert es nicht, dass mit „Ralph reichts“ nun auch einer der Filme fortgesetzt wird, der als einer der letzten kein Franchise bildete. Darin verspürte eine Computerspiel-Schurkenfigur den Wunsch, endlich einmal nicht der Böse zu sein und stiftete auf seiner Suche nach einer Heldenmedaille mächtig Chaos in der Welt der Computerspiele. Sechs Jahre später ist die erzählerische Verlagerung ins World Wide Web unumgänglich. Einen Abstecher in die Welt der Smartphones (und damit zwangsläufig auch ins Internet) gab es mit „Emoji Movie“ sogar schon einmal, nur eben auf qualitativ deutlich niedrigerem Niveau. Denn anders als die Konkurrenz von Sony erzählen die Macher in ihrem herausragend animierten Sequel „Chaos im Netz“ nicht einfach nur irgendeine beliebige Geschichte und stülpen ihr die WWW-Kulisse über, sondern spinnen aus den bisweilen auch ein wenig klischeehaften Surfgewohnheiten von Internetnutzern eine lebhafte, eigenständige Geschichte. Dadurch werden sich die älteren Zuschauer nicht bloß selbst hier und da wiedererkennen, gerade die Jüngeren bekommen dank „Chaos im Netz“ ein Gespür dafür, in was für einem virtuellen Raum sie sich da eigentlich bewegen.
 
Auch wenn sich gerade die Disney- und Pixar-Filme nie ausschließlich an eine Zielgruppe richten, sondern mit ihren Abenteuern grundsätzlich jeden Zuschauer vom Kleinkind bis zum Senior abzuholen versuchen, besteht ein nicht unerheblicher Teil des Publikums nun mal aus Heranwachsenden. Dies hat zur Folge, dass sich „Chaos im Netz“ natürlich nicht mit allen Facetten des Internets auseinandersetzt, auch wenn es sicherlich spannend wäre, zu ergründen, wie ein Konzern wie Disney die Abgründe der Internetpornographie oder des Darknets auf die Leinwand bringt. Nein, hier ist alles knallbunt und unterliegt sehr simplen Veranschaulichungen. Aber das ist völlig in Ordnung, denn gerade durch die hier dargestellten, sehr einfachen Zusammenhänge bekommt man ein Gespür für die Dimensionen, die „Chaos im Netz“ während seiner knappen zwei Stunden abreißt. Soziale Netzwerke, Pop-Ups, Online-Auktionshäuser, die Suchmaschine, Internetspiele und so weiter und so fort – ging es in „Emoji Movie“ noch aus billigen Werbezwecken darum, möglichst viele Markennamen von Apps und Programmen auf einmal zu nennen und im selben Atemzug deren Vorzüge anzupreisen, steht in „Chaos im Netz“ nicht im Fokus, weshalb all diese Internetseiten so toll sind, sondern was sich erzählerisch mit ihnen anstellen lässt. Von der aller ersten Anfrage im Google-Suchfenster (einer Art allwissenden Bibliothek) bis hin zum Finale, in dem ein Antivirenprogramm eine wichtige Rolle spielt, ist „Chaos im Netz“ durchzogen von Querverweisen auf die kunterbunte Onlinewelt und Dinge, mit denen jeder Zuschauer selbst mindestens einmal in Berührung kam.
 
Die in „Chaos im Netz“ gemachten Beobachtungen würden endlose Seiten füllen und sind vor allem dann unheimlich amüsant, wenn ihre Entdeckung ohne jedes Vorwissen erfolgt. Daher gehen wir an dieser Stelle auch gar nicht weiter darauf ein und widmen uns stattdessen den beiden Hauptfiguren. Die beiden Regisseure Phil Johnston (Drehbuch für „Zoomania“) und Rich Moore (Regie bei „Zoomania“) sowie die Drehbuchautorin Pamela Ribon („Vaiana“) sind nämlich nicht an plumpem Name-Dropping interessiert, sondern erzählen obendrein eine liebevolle, reife Geschichte über Freundschaft. Überhaupt hat man nach „Chaos im Netz“ den Eindruck, dieser Film markiere eine neue Ära im Hause Disney. Nicht nur, dass der Milliardenkonzern hier erstmals Kritik an sich selbst zulässt (in einer bereits vielzitierten Szene trifft Vanellope auf sämtliche Disney-Prinzessinnen, die an ihrem klischeehaften Status kaum ein gutes Haar lassen), auch mit ihrem nicht voll umfangreichen und daher umso realistischen Happy End, in dem sich Ralph und Vanellepo auf Zeit auf Wiedersehen sagen müssen, sagen sich die Verantwortlichen ein wenig vom Rundum-Wohlfühl-Familienfilmerlebnis los, sodass am Ende zwar immer noch alle Altersklassen glücklich sein werden, jedoch umso mehr eine Lektion fürs Leben gelernt haben: Wer liebt, muss auch loslassen können!
 
Antje Wessels