Nationalstraße

Mit beiläufig schwarzem Humor erzählt der Regisseur Štěpán Altrichter die Geschichte eines im Grunde gefährlichen Einzelgängers: Vandam, der einstige Held einer heute völlig heruntergekommenen Vorstadtsiedlung, kämpft ebenso stur wie erfolglos um den Erhalt seiner Stammkneipe und um die Liebe der Wirtin. Dafür ist ihm jedes Mittel recht.
Die Story spielt in Prag, aber Männer wie Vandam und seine Kumpels mit ihrem Hass auf „die da oben“ und auf alle, die sie noch weiter unten wähnen als sich selbst, gibt es vermutlich überall, auch zwischen Kiel, Garmisch und Görlitz. Nach dem gleichnamigen Roman des tschechischen Autors Jaroslav Rudiš entstand ein ironischer, manchmal schmerzhaft realistischer, sehr politischer Film mit einem grandiosen Hauptdarsteller: Hynek Čermák.

Webseite: www.nationalstrasse-film.de/

Deutschland/Tschechien 2019
Regie: Štěpán Altrichter
Drehbuch: Jaroslav Rudiš, Štěpán Altrichter
Darsteller: Hynek Čermák, Kateřina Janečková, Jan Cina, Václav Neužil, Jiří Langmajer, Jiří Šoch
Kamera: Cristian Pirjol
Musik: Reentko Dirks, Clemens Christian Poetzsch
91 Minuten
Verleih: 42film
Start: 11. Juni 2020

FILMKRITIK:

Er ist bekannt wie ein bunter Hund in seinem Kiez, dieser durchtrainierte Kerl, der sich Vandam nennt, immer einen flotten Spruch auf den Lippen trägt und jeden provoziert, der ihm querkommt. Zusätzlich erfreut er sich eines gewissen Rufes – die einen könnten bewundernd sagen, er sei kein Kind von Traurigkeit, andere hingegen halten ihn für einen brutalen Schläger. Beides stimmt. Vandam arbeitet an seinem Image als Leitwolf, er hat einen treuen Gefährten, den ängstlichen Psycho. Doch seine Gefolgsleute sind vor allem Leute wie er: unzufrieden, abgehängt, voller Hass und Aggression auf alle, die anders sind. Und natürlich die Kaputten und die Besoffenen aus Vandams Stammkneipe, dem „Severka“, übersetzt: Polarstern, der einzigen Kneipe in der Umgebung, deren Wirtin Lucka ist. Insgeheim schwärmt Vandam für sie, aber irgendwie fährt sie nicht wie erwartet auf seine Sprüche und seinen rustikalen Charme ab. Vandam versteht sich als Krieger im Kampf um Wahrheit und Liebe, die man anderen notfalls mit Gewalt einbläuen muss, und er sieht sich als Sheriff in seiner abgeblätterten Hochhaussiedlung, die so aussieht, als sei sie zu sozialistischen Zeiten nicht richtig fertig geworden. Sein Wahlspruch ist: „Ich hab gegen niemanden was, solange er keinen Ärger macht.“ Notfalls sorgt er eben selbst für den Ärger. Doch es gibt auch einen anderen Grund, warum Vandam, der sich mit Boxen fithält und alle Schlachten der Weltgeschichte kennt, so hoch angesehen ist: Vandam war ein Held – 1989, in der „Samtenen Revolution“, die das Ende des Sozialismus in der CSSR einläutete. Darüber spricht Vandam nicht gern, ebenso wenig über seine Kindheit, die er in derselben Wohnung verbrachte, in der er bis heute lebt, und über seinen früheren Job. Als Vandam eines Tages entdeckt, dass es Pläne für eine Neubebauung des Kiezes gibt, wofür das „Severka“ abgerissen werden soll, startet er seinen größten Kampf: Er will Lucka, sich selbst und seinen Kumpanen helfen. Er zieht in die Schlacht, mit breiter Brust und bereit, alles zu geben, was ihm geblieben ist, einschließlich seiner Selbstachtung. Dafür legt er sich mit Immobilienhaien an, wobei er vor nichts zurückschreckt, und er bettelt um Geld bei seinem Bruder, der ein steinreicher, feiner Pinkel geworden ist und zu dem er schon seit Jahren keinen Kontakt mehr hat. Bei allem übersieht Vandam einen ganz wesentlichen Aspekt: Niemand hat auf ihn gewartet, diese Schlacht war schon entschieden, bevor er sich eingemischt hat.

Nach dem gleichnamigen Roman von Jaroslav Rudiš, der gemeinsam mit dem Regisseur Štěpán Altrichter das Drehbuch schrieb, erzählt der Film seine Geschichte konsequent aus der Perspektive von Vandam. In einer leicht bis schwer ironischen Ich-Erzählung, manchmal sogar in die Kamera und in direkter Ansprache des Publikums, stellt sich Vandam vor und berichtet von seiner Kindheit, ganz zurückgenommen, ohne Dramatik oder Wehmut. Das Ganze erinnert an einen Gegenentwurf zum braven Soldaten Schwejk. Wo Schwejk pazifistisch ist, ist Vandam kriegerisch. Anstatt nach außen leicht dösig und schluffig zu wirken wie Schwejk, ist Vandam, genau wie sein großes Vorbild van Damme, der top-fitte Vorstadt-Recke, der sein Image als Haudegen und Kraftmeier pflegt. Gemeinsam ist beiden vor allem der Hang zur Ironie: Knödel, Sauerkraut und Schweinebraten – das ist der tschechische Dreikampf. So erklärt Vandam selbst den tschechischen Humor. Und sie haben noch etwas gemeinsam: Beide, sowohl Schwejk als auch Vandam, sind Außenseiter. Der eine als Kriegsgegner, der andere als frustrierter und einsamer Wutbürger, wobei Vandam den pfiffigen Charme eines Schwejk hier durch offensiv wortgewandte Provokationen ersetzt. Vandam ist also alles andere als ein tumber Muskelprotz – kein Vorstadt-Tarzan, sondern ein offenbar recht gebildeter Mensch mit einigen Geheimnissen, der irgendwann an sich selbst und an der Welt verzweifelt ist. Er ist aber auch gefährlich, sowohl in seinen Ansichten als auch in seinen Handlungen. Hynek Čermák vollführt den schauspielerischen Kraftakt, diesen Unsympathen glaubwürdig darzustellen. Man möchte Mitleid mit ihm haben, aber das klappt einfach nicht, und man möchte ihn mögen. Auch das funktioniert nur eingeschränkt. Wie Hynek Čermák diesem negativen Helden Leben einhaucht, der nach außen seine Unbesiegbarkeit demonstriert, aber die Narben der Vergangenheit und der Gegenwart mit sich herumschleppt, wie er ihm nach und nach immer mehr Facetten gibt, ist allein schon den Kinobesuch wert.

Die Wahl eines solchen Helden für einen Roman und einen Film ist mutig, denn: Dieser Vandam ist nicht besonders sympathisch. Altrichter und Rudiš gelingt das Kunststück, über Vandam zu erzählen, ohne ihn darüber liebenswert zu machen. Stattdessen erzeugen sie durch die gelegentlichen Rückblenden Spannung, sie erklären manches, aber nicht alles; insbesondere vermeiden sie jede Art von offenkundiger Küchenpsychologie im Sinne von: alkoholkranker Vater stürzt sich vom Balkon – Sohn wird rechtsradikal. Der Tonfall ist lakonisch, oft leicht ironisch, was eine gewisse angenehme Leichtigkeit fördert, die den Film, trotz seiner im Grunde schwergewichtigen Ernsthaftigkeit, zu einem sehr unterhaltsamen, sehr politischen und vor allem erfreulich nachdenkenswerten Kinoerlebnis macht.

Gaby Sikorski