Quo Vaids, Aida?

25 Jahre liegt das Massaker von Srebrenica zurück, bei dem serbische Milizen tausende Bosnier ermordeten. Jasmila Žbanić zeigt in ihrem Drama „Quo Vadis, Aida?“ wie eine einheimische Übersetzerin zwischen die Fronten gerät, ihrer Arbeit nachgeht und gleichzeitig versucht, ihre Familie zu retten. Ein dichter, aufwühlender Film.

Bosnien/ Österreich/ Polen/ Deutschland/ Rumänien/ Frankreich/ Norwegen/ Türkei/ Holland
Regie & Buch: Jasmila Žbanić
Darsteller: Jasna Đuričić, Izudin Bajrović, Boris Ler, Dino Bajrović, Boris Isaković. Johan Heldenbergh, Raymond Thiry
Länge: 101 Minuten
Verleih: Farbfilm
Kinostart: Frühjahr 2021

FILMKRITIK:

Als Lehrerin hat die bosnische Muslimin Aida (Jasna Ðuriči) vor Beginn des Jugoslawienkriegs gearbeitet, lebte mit Mann und zwei Söhnen in Srebrenica, gemeinsam mit Serben und anderen Ethnien, wie es im Vielvölkerstaat Jugoslawien Jahrzehntelang üblich war. Doch der Krieg hat aus Nachbarn Feinde gemacht, die Stadt steht unter Beschuss der bosnisch-serbischen Truppen unter ihrem Anführer Ratko Mladić (Boris Isaković), Gerüchte von Vergewaltigungen und Morden an der Zivilbevölkerung machen die Runde. Aida selbst ist nicht in Gefahr, sie arbeitet für die Blauhelme der UNPROFOR-Truppen als Übersetzerin, doch ihr Mann Nihad (Izudin Bajrović) und die beiden Söhne Hamidja (Boris Ler) und Ejo (Dino Bajrović) sind außerhalb der UN-Anlage, wo sich tausende Menschen unter der sengenden Sonne versammelt haben und Einlass begehren.

Im Inneren ahnt der niederländische Kommandant Karremans (Johan Heldenbergh), dass die Absprache, die er mit Mladić getroffen hat, nur Augenwischerei war: Der Zivilbevölkerung freies Geleit zu geben und nur Soldaten in Gewahrsam zu nehmen war die Vereinbarung, doch der Aufmarsch an schwer bewaffneten serbischen Soldaten lässt keinen Zweifel daran, was passieren wird. Mit zunehmender Verzweiflung versucht Aida Karremans davon zu überzeugen, zumindest ihre Familie zu retten, doch dem Kommandanten sind die Hände gebunden. Und so nehmen die Ereignisse ihren Lauf, an deren Ende über 8000 Tote stehen, ermordet im schlimmsten Massaker der europäischen Nachkriegsgeschichte.

Gleich mit ihrem Debütfilm „Grbavica“ hatte die bosnische Regisseurin Jasmila Žbanić 2006 den Goldenen Bären gewonnen, ein Film, in dem sie sich mit den psychologischen Folgen des Jugoslawienkrieges beschäftigt hatte. Das sie mit „Quo Vadis, Aida?“ in die Zeit des Krieges zurückkehrt und sich mit einem der am ausführlichsten dokumentierten Ereignisse des Krieges beschäftigt mag daher überraschen. Neue Einblicke in das Massaker kann es nicht geben, die Frage von Tätern und Opfern ist klar beantwortet, das Versagen der internationalen Gemeinschaft ausführlich dokumentiert.
Zwischentöne gibt es dann auch bei Žbanić kaum: Wenn Aida auf der serbischen Seite einen ehemaligen Schüler entdeckt, scheint für kurze Momente die Frage aufzukommen, wie aus einst freundlichen Bekannten Gegner auf Leben und Tod werden können, doch schnell wird diese Ambivalenz beiseite gewischt. Etwas einfach macht es sich Žbanić oft, wenn sie die serbischen Truppen als waffenstarrende, glatzköpfige Muskelprotze schildert, die schon aus der Ferne wie blutrünstige Mörder aussehen, denen in Gestalt der kaum volljährig wirkenden holländischen Blauhelmtruppen, oft ohne Gewehr, dafür in kurzen Hosen kleine Jungs gegenüberstehen, die eher wie Pfadfinder wirken.

Einerseits bestätigt Žbanić dadurch die Klischees des Jugoslawienkrieges, andererseits kann es gerade im Fall des Massakers von Srebrenica keine Frage über Schuld und Unschuld geben. Die Komplexität der Ursachen des Krieges, die Verbrechen, die von allen Seiten begangen wurden, spielen in „Quo Vadis, Aida?“ jedoch keine Rolle, Jasmila Žbanić geht es nur darum, ein Ereignis in fast dokumentarischer Manier darzustellen. Ein Ziel, das ihr fraglos auch eindrucksvoll gelingt.

Michael Meyns