Driveways

Eine Mutter reist gemeinsam mit ihrem achtjährigen Sohn zum Haus ihrer verstorbenen Schwester, um den Nachlass zu regeln. Ein Vorhaben, dass sich rasch als langwierig entpuppt: Das Haus ist bis unter die Decke vollgepackt mit Dingen und Habseligkeiten. Die Entrümpelung wird darum einige Zeit in Anspruch nehmen – Zeit, die der Bub nutzt, um Freundschaft mit einem alten, einsamen Nachbarn zu schließen. Es passiert also nicht viel in diesem Film. Doch hier geht es mehr um die Charaktere, um das, was sie sagen, um das Zuhören, um die Verbindung zwischen ihnen. Das Ergebnis ist ein unaufgeregt erzählter, zärtlicher Film mit glaubwürdigen, lebensnahen Figuren. Einer der letzten Filme mit dem großartigen Brian Dennehy.

Website: https://tobis.de/film/driveways

USA 2019
Regie: Andrew Ahn
Darsteller: Hong Chau, Lucas Jaye, Brian Dennehy, Stan Carp, Jerry Adler, Sophia DiStefano, Jeter Rivera
Länge: 83 Min.
Verleih: Tobis
Kinostart: 12.11.2020

FILMKRITIK:

Eigentlich hatte Kathy (Hong Chau) gemeinsam mit ihrem achtjährigen Sohn Cody (Lucas Jaye) nur eben schnell den Nachlass ihrer verstorbenen Schwester April regeln wollen. Doch als sie an einem Spätsommerabend nach langer Autofahrt das Haus, außerhalb einer Kleinstadt im US-Staat New York gelegen, erreicht, ist sie bass erstaunt. Der Strom ist abgestellt, im Dunkeln ist kaum etwas zu erkennen. Der alleinerziehenden Mutter bleibt nichts anderes übrig, als erst einmal mit ihrem Sohn im Motel zu übernachten. Tags darauf offenbart sich dann die Bescherung: Das Haus ist vollgepackt mit Tünkram, bis zur Zimmerdecke stapeln sich die Habseligkeiten. Missmutig bestellt Kathy einen großen Container, krempelt die Ärmel hoch und beginnt mit der Arbeit. April war offensichtlich ein Messie, sie konnte einfach nichts wegwerfen. Der sensible und schüchterne Cody hingegen schließt, zögerlich zunächst, Freundschaft mit einem Nachbarn: Del, ein 83-jähriger Kriegsveteran, der schon vor Jahren seine Frau verloren hat. Sie reden viel miteinander, sie leisten sich Gesellschaft. Doch irgendwann ist das Haus leer und renoviert. Plötzlich ist sich Kathy nicht mehr sicher, ob sie es wirklich verkaufen will. Und auch Del muss eine schwere Entscheidung treffen.

Diesen alten Mann spielt Brian Dennehy, der im April diesen Jahres starb. Dies ist einer seiner letzten Filme. „Driveways“ ist also fast so etwas wie sein Vermächtnis, in dem es um Trauer und Verlust geht, um die Bürde des Alters und die Last der Erinnerung, aber auch um Nähe und Freundschaft. Eine der schönsten Szenen des Films ist darum, wie Cody dem alten Mann auf dessen Veranda einfach nur zuhört. Del erzählt aus seinem langen Leben, er erzählt von seiner Frau, für die er vielleicht nicht genügend Zeit hatte. Cody hingegen schaut nur gelegentlich zu ihm auf und sagt „Yeah“, so als verstünde er alles. Doch hier geht es gar nicht ums Verstehen, schließlich ist Cody noch ein Kind. Es geht ums Zuhören, um seine Gesellschaft, um die Verbindung zum Gegenüber. Eine ungemein zärtliche Szene, so wie der ganze Film von Zärtlichkeit getragen ist.

Es ist schon erstaunlich, wie zurückgenommen und unaufgeregt Regisseur Andrew Ahn „Driveways“ inszeniert hat. Seine Autoren Hannah Bos und Paul Thureen entwerfen glaubwürdige Figuren, die in lebensnahen, präzisen Dialogen ihre Geschichten erzählen. Szene für Szene lernt man sie besser kennen, während die Kamera ihnen nachdenklich zusieht, unterlegt von John Wadleys fast schon meditativem Klavierspiel. Die einsamste Figur des Films ist vielleicht Kathy. Wenn sie sich durch die beeindruckenden Besitztümer ihrer zwölf Jahre älteren Schwester wühlt, muss sie überrascht feststellen, wie wenig sie sie eigentlich kannte. Kathy wird mit den Resten eines Lebens konfrontiert, das sie nicht geteilt hat. Gleichzeitig verdient sie nachts noch Geld mit medizinischen Abschriften, mit der Absicht, einmal Krankenschwester zu werden. Eine Frau zwischen Bedauern und Hoffnung, zwischen Enttäuschung und Aufbruch – auch dieser vielschichtige Charakter macht den Reichtum dieses Films aus.

Michael Ranze