Isadoras Kinder

Sie gilt als eine der Begründerinnen des modernen Tanz: Isadora Duncan, amerikanische Tänzerin und Choreographin. Damien Manivels „Isadoras Kinder“ ist nun jedoch kein biographischer Film, sondern der Versuch, sich Duncans Kunst anzunähern, aus der Distanz, über die Proben an Duncans Stück „Mutter“, das aus tragischen Umständen geboren wurde.

Website: www.eksystent.com

OT: Les Enfants d’Isadora
Essayfilm
Frankreich/ Korea 2019
Regie: Damien Manivel
Buch: Julien Dieudonné & Damien Manivel
Länge: 84 Minuten
Verleih: eksystent
Kinostart: eigentlich 30 April 2020 – vorab online verfügbar

FILMKRITIK:

Ein kurzes Leben führte Isadora Duncan, 1877 in San Francisco geboren, 1927 in Nizza gestorben, das die letzten 14 Jahre auch noch von einer katastrophalen Tragödie überschattet war. 1913 starben Duncans junge Kinder Patrick und Deidre, vier und sechs Jahre alt, bei einem Autounfall, sie ertranken in der Seine. Es heißt, dass Duncan nie über den Tod ihrer Kinder hinwegkam.

Als Reaktion entstand das Stück „Mutter“, das nun der Kern von Damien Manivels Film bildet. Aufnahmen von Duncan, wie sie ihr Stück tanzt, existieren nicht, allein aus ihren Notizen, ihrer Notation kann das Stück rekonstruiert werden, eine Aufgabe, der sich in „Isadoras Kinder“ unterschiedliche Tänzer stellen.

Im ersten Teil des Films ist Agathe Bonitzer zu sehen (Tochter des bekannten Autors und Regisseur Pascal Bonitzer), die in einem Buch über Duncan liest, während sie einsam und verloren in Pariser Cafés sitzt oder durch Parks spaziert. Im Voice Over sind Gedanken von Duncan zu hören, bald sucht Bonitzer in einer Bibliothek Notizen zur Choreographie, die sie im Tanz-Studio probt.

Der zweite Teil zeigt die Tanzlehrerin Marika Rizzi, die mit ihrer jungen Schülerin Manon Carpentier das Stück probt. Auch Carpentier liest von und über Duncan, erfährt über ihren Einfluss auf die Entwicklung des Tanzes, das Ablehnen des klassischen Balletts, die Hinwendung zu den ästhetischen Idealen der griechischen Antike.
Im dritten Teil des Films ist schließlich die Aufführung zu sehen, genauer gesagt die Wirkung der Aufführung. Denn der Blick der Kamera ist nicht auf die Bühne gerichtet, sondern in den Zuschauerraum, wo sie über die Gesichter der Besucher streift, bis sie bei Elsa Wolliaston hängenbleibt. Nach Ende der Aufführung folgt man Wolliaston, einer aus Jamaika stammenden Tänzerin, auf dem beschwerlichen Gang nach Hause, unterbrochen von einem Besuch im Restaurant, Fahrten in der Metro, der schließlich vor einem Foto ihres verstorbenen Sohns endet. Hier beginnt die über 70jährige Frau, Passagen aus der Choreographie Duncans aufzuführen und führt damit das Vermächtnis der Künstlerin fort.

Einen enigmatischen Film hat Damien Manivel gedreht, der früher selbst getanzt hat und mit „Isadoras Kinder“ seinen vierten Langfilm vorlegt, für den er 2019 beim Festival in Locarno mit dem Regiepreis ausgezeichnet wurde. Hätte eine konventionelle Dokumentation Daten und Fakten von Duncans Leben aufzubereiten, sind Manivels Ambitionen größer. Er versucht den Geist von Duncans Arbeit einzufangen, der geprägt war vom Gedanken, dass Kunst mehr ist als etwas schön Anzusehendes. Einfluss auf die Menschen, ja, auf die Gesellschaft soll Kunst haben können, inspirieren, berühren, trösten. In den Worten und der Choreographie Duncans bewegt sich dieser Gedanke durch die Generationen, findet Ausdruck in den Proben, der Aufführung und dem Sehen ihres Stücks „Mutter“, das Manivel als roten Faden seiner zarten, einfühlsamen Annäherung an Isadora Duncan und ihrer Kunst verwendet.

Michael Meyns